Tag 6 – Eine Million Träume

Kurze Nacht, klarer Morgen

Spät wurde es gestern, spät und schön. An Bord Gespräche, ein Bier, ein Glas Wein, ein Tsipouro, und über allem noch einmal der orange-rote Mond, der sich in all seiner Pracht zeigte. Das letzte Bier um eins, dann hat mich das Boot wieder in den Schlaf gewiegt.

Um zehn vor neun stehe ich auf, fit wie ein Turnschuh. Es gibt frische Brötchen, Semmeln, würde der Bayer sagen, Brötchen der Norddeutsche, und nach drei Tagen auf See dazu ein frisches Funktions-Shirt. Kleine Dinge, große Wirkung; man lernt auf so einer Reise wieder, wie wenig es braucht, um sich reich zu fühlen. Um zehn vor elf dann das Ritual: zweimal kopfüber ins Wasser, und die Dusche kann sich der Tag sparen.

Die erste ernste Debatte des Tages führe ich mit Thomas: zu wenig Kaffee in der Kanne. Was wiegt schwerer, kein Kaffee für den Skipper oder keiner für den Fotografen? Der Skipper hat die besseren Argumente, und zum Glück kennt er mich als Morgenmuffel noch nicht. Also teilen wir. Sharing is caring, an Bord teilt man ohnehin fast alles, und vielleicht ist genau das der Kern des Segelns: dass der Raum kleiner wird und der Mensch dabei größer.

Die Insel der Möwen

Dann Kelyfos. Die kleine Insel ist eher ein Felsbrocken, bewohnt nur von Möwen, und die Bucht davor ist wunderschön. Wir legen ordentlich Kette, und Thomas klettert sportlich den Felsen hinauf, um eine Heckleine zu befestigen, damit sich das Boot nicht dreht. Danach ein Ankerbier. Kein Bier vor vier? Irgendwo auf der Welt ist immer Bierzeit.

Ich schaue den Möwen zu, wie sie entspannt auf dem Fels sitzen, das 400er Objektiv holt sie ganz nah heran. Die eigentliche Herausforderung ist, eine im Flug zu erwischen, diesen einen Moment, in dem die Flügel voll gespannt sind. Hat geklappt. Und dann noch eine alte Tradition, die ich von jedem Frosch-Urlaub hier kenne: die Arschbombe vom Bug. Eines der legendären Fotos von damals zeigt genau das, mich, wie ich vom Bug ins Wasser springe. Also muss ein neues her, hier und heute. Kamera auf Serienbild, eine Mitseglerin übernimmt, zweiter Versuch, getroffen. Manche Rituale werden nicht albern mit den Jahren, sie werden kostbar.

Eine Million Träume

Kopfhörer rein, Lieblingslieder. A Million Dreams aus The Greatest Showman läuft, und irgendwie passt es hierher, auf diesen Fels, in diese Bucht:

Eine Million Träume halten mich wach … eine Million Träume für die Welt, die wir erschaffen werden.

A Million Dreams · The Greatest Showman

Ich schließe die Augen, und die Bucht füllt sich mit Bildern. Denn Kelyfos ist für mich kein neuer Ort. Fünfmal war ich mit Frosch in Kriopigi auf Kassandra, und von dort führten die legendären Sunset-Touren immer genau hierher. Der Kapitän hieß Panagiotis, und er hatte ein Ritual, das keiner je vergaß: Ouzo mit Zitronensaft, direkt aus der Flasche, jedem an Bord der Reihe nach in die Kehle, während die Sonne rot ins Meer sank. Kein Glas, kein Zögern, nur dieser eine laute, warme Moment von Gemeinschaft. Man kannte sich vorher nicht, ein Häuflein Fremder auf einem Boot, doch diese Sunset-Touren schweißten die Gruppe zusammen: Mythos-Dosen, die ins Meer flogen, Thunderstruck von AC/DC aus den Boxen und ein schwankender Rückweg zum Hotel. Aus einzelnen Abenden wurden gemeinsame Erinnerungen, die bis heute verbinden.

Und ich stand mit der Kamera mittendrin. Ich fotografierte die anderen, wie sie vom Boot ins Wasser sprangen oder still vor dem Sonnenuntergang standen, ihre Silhouetten gegen das Licht. Nicht für mich, sondern aus reiner Freude, um ihnen etwas zu schenken, das bleibt: eine schöne Erinnerung für zu Hause. Vielleicht ist das das Schönste am Fotografieren, dass man den Menschen ihre eigenen Momente zurückgeben kann.

Vielleicht sind Träume ja nichts anderes als Erinnerungen, die wir einander schenken, damit sie nicht verloren gehen. Eine Million Träume, singt das Lied, und einer davon wird gerade wahr, hier, mit Salz auf der Haut und einem Boot, das leise an seiner Kette zieht.

Ein neues Marmara

Am späten Nachmittag, um zwanzig vor sechs, machen wir im Hafen von Nea Marmara fest, längsseits am öffentlichen Pier. Der Ortsname trägt eine Geschichte in sich, und sie steckt in diesem kleinen Wort: Nea, das Neue. Nach dem griechisch-türkischen Krieg und dem Vertrag von Lausanne 1923 wurden über eine Million Griechen aus Anatolien und Hunderttausende Muslime aus Griechenland zwangsumgesiedelt. Die Flüchtlinge brachten die Namen ihrer alten Heimat mit, Marmara, Smyrna, Kallikrateia, und stellten ihnen das Nea voran. Überall in Nordgriechenland und auf Chalkidiki begegnet man diesem Neu vor alten, verlorenen Orten, ein stilles Denkmal für eine der größten Zwangsmigrationen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Der Segelbegriff des Tages heißt Weberleinenstek, der Knoten, mit dem Thomas den Fender auf Slip legt, sodass er sich bei Bedarf mit einem Ruck löst. Und die SY ANNA liegt jetzt mediterran vertäut, unter Seglern auch katholisch genannt: den Buganker weit voraus, das Heck mit Leinen an den Steg, die klassische Methode in griechischen Häfen. Für mein Auge sah der Steg voll aus, doch Thomas fragt auf Griechisch nach einem Platz, und plötzlich ist einer da.

Stühle im Sand

Abends dann Ta Kymata, fangfrischer Fisch, die Stühle stehen direkt im Sand am Strand. Als Vorspeise Oktopus, in der Sonne getrocknet, nur mit Olivenöl, dann frittierter Kabeljau, dem man die Zähne noch ansieht, sodass er aussieht wie ein kleiner Hai. Dazu Brot aus dem Ofen mit Olivenöl und Oregano, ein Gaumenschmaus. Und im Glas Retsina mit Cola, so wie es die Makedonier trinken; der über dreitausend Jahre alte Harzwein, dem man beim Gären Kiefernharz zusetzt, ist pur gewöhnungsbedürftig und mit Cola auf einmal erfrischend. Kein Weinfehler, sondern Tradition.

Kurz vor Mitternacht noch ein kleiner Spaziergang, der Blick geht übers Meer, hinüber zu Kelyfos, und mit ihm kommen die schönen Erinnerungen. Ein entspannter Urlaubstag, wie er im Buche steht. Und während die Insel der Möwen dort draußen im Dunkeln liegt, denke ich, dass die schönsten Tage nicht die lautesten sind, sondern die, an denen man abends nichts vermisst. Eine Million Träume, sagt das Lied. Heute hätte einer gereicht.

Bilder eines Tages zwischen Kelyfos und Nea Marmara