Dem Horizont entgegen – Meine erste Segelreise in die Karibik

Es gibt Momente im Leben, in denen der Horizont weiter erscheint als der Weg, der zu ihm führt. Eine Fernreise in die Karibik anzutreten, mitten in einer Pandemie, allein, mit einem Drybag und mehr Fragen als Antworten im Gepäck, das ist so ein Moment. Ein Flug kann ausfallen. Ein Einreiseprotokoll kann falsch ausgefüllt sein. Und irgendwann kommst du zu dem Schluss, dass man vielleicht ein wenig verrückt sein muss, um trotzdem loszufahren. Aber genau dort, am Rand der eigenen Komfortzone, beginnt das, was wir Abenteuer nennen.

Ich trage das Risiko allein. Doch an meiner Seite stand ein Mensch, der den Weg nach St. Vincent und die Grenadinen für mich geebnet hat: Daniel Rosendahl vom Reisebüro Weischer, unser Bürgerschütze. Ich weiß bis heute nicht, wie ich ihm für seine ruhige, professionelle Hand danken soll. Vielleicht beim nächsten Schützenfest, mit ein paar Runden und der Geschichte dieser Reise.

Das Gedankenchaos vor dem Aufbruch

Die Vorfreude war getrübt, und das lag, wie so oft, an meinem Kopf. Ich mache mir tausend Gedanken darüber, was alles schiefgehen könnte. Wahrscheinlich liegt es an meinem Beruf, in dem ich gelernt habe, jede Eventualität einzupreisen, jedes Risiko vorab zu durchdenken. Aber kennst du das Gefühl, wenn der Verstand nur noch im Kreis läuft? Manchmal ist die ehrlichste Entscheidung, einfach loszulassen und es geschehen zu lassen. Einfach mal machen. Genau dort, wo das Gedankenchaos endet, beginnt das Vertrauen.

Eine Woche, die nicht loslassen wollte

Ausgerechnet die Woche vor der Abreise wurde arbeitsreicher als jede andere. Das Projekt GroupNext kommt ins Rollen, unser Zug namens W2DW wird aufs Gleis gesetzt. Ende 2024 wollen wir nahezu alle Primärbanken in die Azure Cloud portieren, und unsere geliebten Domino-Server sollen Schritt für Schritt auf eine neue Plattform wandern: M365 von Microsoft. Es ist wie alle zehn Jahre in der IT, ein neues Denken wird verlangt. Und ich habe mich entschieden, nicht nur dabei zu sein, sondern diese neue Welt mitzugestalten. Ich möchte einen Fußabdruck hinterlassen.

Am Freitag geriet ich noch in einen achtstündigen Workshop, weil ich meinen Mund nun einmal nicht halten kann. Aus einem großen Migrationsprojekt, in dem ich engagiert und eigenständig ein Teilprojekt verantworten durfte, bringe ich eine Perspektive mit, die ich gern teile, und ja, ich hinterfrage dabei vermutlich einfach zu viel. Manch einer würde Querdenker sagen, ein Wort, das in den Corona-Monaten allerdings einen politisch aufgeladenen Beigeschmack bekommen hatte. Ich aber meine es im ursprünglichen Sinn: quer denken, um neue Wege zu finden, nicht um sie zu verbauen. Über das Wie zerbrach ich mir schon in der Nacht zum Abreisetag den Kopf, und ehrlich gesagt ließ mich der Workshop auch danach nicht mehr los. Vielleicht braucht es manchmal genau diese Distanz, diesen Ozean zwischen mir und dem Schreibtisch, um die Dinge klarer zu sehen.

Kurze Nächte, lange Gedanken

Als wollte das Leben mich prüfen, schmiss mein Nachbar in derselben Nacht eine Party. Laute Musik, volles Haus, und ich um 2:20 Uhr hellwach. Ich schrieb ihm, er möge die Nachtruhe wahren. Er antwortete: Sorry Ralf, du hast recht, aber willst du nicht auf ein Bierchen rüberkommen? Schlafen konnte ich ohnehin nicht mehr. Und während ich dalag, dachte ich an meine andere Nachbarin, die diese Nächte Woche für Woche erträgt. Ich verstehe sie. Auch ich liebe meine Anlage, meine Filme, den großen Klang, doch mit den Jahren lernt man, leiser zu werden.

Es waren ohnehin besondere Tage. Meine Nichte Jill kam am Mittwoch von der Schule zu mir, meinen Neffen Nils im Schlepptau. Ihre Eltern, im Schaustellerleben unterwegs, hatten ab Donnerstag einen Platz bei Dortmund. Also blieben die beiden bei mir. Ich liebe es, für sie da zu sein, ihnen ihre Freiheit zu lassen und ihnen zugleich zu zeigen, dass es ein anderes Leben gibt als das auf Weihnachtsmärkten und Stadtfesten. Jill ist selbstständig, Nils lässt sich gern verwöhnen, auch wenn er es nie zugeben würde. Am Samstagmorgen um sechs brachte mich meine Schwester zum Münsteraner Hauptbahnhof.

Die Deutsche Bahn tat, was sie am besten kann: Ab fünf Uhr kam im Halbstundentakt die Nachricht, der Zug sei pünktlich, oder eben doch nicht. Aber es war mir gleich. Ich musste nur bis Köln kommen, von dort sollte der ICE-Sprinter mich nach Frankfurt tragen. Der Zug aus Münster kam zu spät, der Sprinter war weg. Und doch blieb ein Moment der Ruhe, ein Selfie mit dem Dom, das ich an Katrin und Peter schickte. Auf ihrem Katamaran, der jo heißt, werde ich vierzehn Tage lang mitsegeln, und die beiden kommen aus Köln, wo man seine Heimat liebt, wie nur eine Kölnerin und ein Kölner es können. Wohin also hätte dieser Gruß besser gepasst als vor den Dom? Manchmal sind es diese kleinen Umwege, die uns daran erinnern, dass die Reise schon begonnen hat.

Über Frankfurt dem Süden entgegen

In Frankfurt wartete erst das Testcenter. Diesmal lief es reibungslos, anders als beim ersten Versuch, der mich fast verzweifeln ließ: ein verschlüsseltes PDF, dessen Inhalt nur ein QR-Code war, ein Ergebnis, das sich nicht speichern ließ. Hätte ich keine Ahnung von IT, ich wäre gescheitert. Mit ein paar Tricks ging es doch, und ich hatte am Ende wenigstens ein Bild in der Hand. Hoffentlich reicht das, dachte ich.

Am Gate sprach mich der Smutje, der Schiffskoch der Alexander von Humboldt II an, ebenfalls ein Ralf. Es fällt wohl auf, wenn man mit einem Drybag zum Segeln aufbricht. Und während wir uns über unsere Pläne unterhielten, hielt ich Ausschau nach Tanja und Marius aus Berlin, mit denen ich denselben Flug nach Barbados teilte. Eine halbe Stunde vor dem Boarding sah ich zwei Menschen, die sich suchend umschauten. Der Auftakt war herzlich, voller lockerer Gespräche darüber, warum man segeln will und was Corona uns abverlangt. Ich habe mich gefreut, sie zu sehen. Manche Menschen spürt man als sympathisch, noch bevor man sie kennt.

Neun Stunden zwischen den Welten

Im Airbus A330 war es fast menschenleer, so weit entfernt von der Sardinenbüchse Economy früherer Jahre. Die Crew entspannt, die Stimmung leicht. Neun Stunden lagen vor mir, an deren Ende die Karibik wartete. Das erste Mal war es allerdings nicht: 2017 hatte ich mit Frosch Sportreisen vierzehn Tage lang Kuba mit dem Fahrrad erkundet. Die karibische Kultur kannte ich also schon ein wenig, zum Beispiel, wie unkompliziert hier die besten Cocktails der Welt serviert werden. Mein iPad war voller Musik, Spiele und Filme, und der Noise-Cancelling-Kopfhörer von Sony ließ die Welt verstummen, bis man fast vergisst, dass man fliegt.

Der Workshop reiste mit, ungefragt, irgendwo zwischen Wolken und Ozean. Also tat ich das, was ich am besten kann, wenn die Gedanken keine Ruhe geben: Ich sortierte sie. Neun Stunden hatte ich im Airbus von Frankfurt nach Barbados, und so entstand über dem Atlantik eine ganze PowerPoint-Präsentation, Folie um Folie, fachliche Frage um fachliche Frage. Fun Fact am Rande: Nach meiner Rückkehr habe ich sie keinem einzigen Menschen gezeigt. Und trotzdem war keine Minute davon umsonst, denn genau dieses Ordnen hat mir geholfen, den Kopf endlich frei zu bekommen.

Den Rest des Fluges schenkte ich dem neuen James-Bond-Film, Keine Zeit zu sterben, für mich der emotionalste Bond bisher. Über den Wolken, zwischen zwei Welten, lernte ich wieder etwas, das ich am Boden so leicht vergesse: Loslassen ist auch eine Form von Ankommen.

Die ersten Schritte in der Karibik

Die Tür öffnete sich, und mit ihr eine feuchtwarme Luft, die nichts mehr mit dem deutschen Winter zu tun hatte. Haben wir nicht eigentlich Winter? Ich spreche Englisch, ich bin vorbereitet, dachte ich, und stand doch mitten in einem Gewusel aus Fragen und Bändchen. Wer dies dabeihatte, einen Schritt vor. Am Ende ein grünes Band, beinahe ein rotes, hätte ich nicht aufmerksam zugehört. Weiter zur Passkontrolle, immer mit derselben stummen Frage im Kopf.

Am Gepäckband fand ich Tanja und Marius wieder. Wir teilten uns ein Taxi, meines lag zuerst auf der Route. Nach dem Einchecken schleppte ich mein Gepäck aufs Zimmer, nur zwei Nächte, also kein großes Auspacken. Die Suche nach einem Restaurant scheiterte, nach 20 Uhr war alles geschlossen. Zum Glück hatte ich vom Bäcker in Münster noch ein paar Brezeln dabei. Es sind die kleinen Vorräte aus der Heimat, die einen tragen, wenn die Fremde noch fremd ist.

Ein gebrauchter Tag, der zum Geschenk wurde

Trotz allem schlief ich gut, Ohrstöpsel gegen das Unbekannte, und war doch um sechs wach. Ab an den Strand, Fotos, Frühstück. Der feinkörnige Sand war ein erstes Versprechen. Eigentlich war es ein gebrauchter Tag, ein Tag des Wartens, bevor es am Morgen nach St. Vincent gehen sollte. Aber ohne Bilder von Bridgetown wollte ich nicht weiterziehen.

Ein Taxifahrer zeigte mir die ganze Stadt, das Cricket-Stadion, das Parlament, die Shopping-Straße, am Ende immer dieselben zwanzig Dollar. Bridgetown berührte mich nicht, also zog es mich an den Strand, langer weißer Sand, sanfte Brandung, Boote an der Mooring. Ein paar Fotos, dann ein Bierchen und eine Piña Colada, die besten Cocktails der Welt. Und Raucher kommen ja immer ins Gespräch. Neben mir saß Mark, Pilot bei Air Canada, zu Hause in Ottawa, wo es gerade minus zwanzig Grad hatte. Je mehr Bier ich trank, desto besser wurde, wie durch ein Wunder, mein Englisch. Manchmal verwandelt sich ein gebrauchter Tag in ein Geschenk, wenn man nur offen bleibt für die Menschen, die einem begegnen.

Die Nacht, in der das Englisch besser wurde

Mark schlug vor, kein Taxi zu nehmen. Hier fahren überall die Sammeltaxis namens ZR, Hand raus, rein ins Reggae-Taxi, ein Dollar pro Person. Er kannte ein lokales Restaurant, nur Locals, frischer Fisch vom Grill. Und es war schon spät, doch wir verstanden uns so gut, dass er fragte, ob wir eine alte Kollegin besuchen wollten. Sie hatte vor einem Jahr eine Bar mit Live-Musik eröffnet, die MyFriendsPlace Bar.

Wahnsinn. No Woman, no Cry, live, mitten in der Karibik. Songs von Rihanna und Tina Turner, unbezahlbar. Um 23 Uhr endete der Ausschank, Sperrstunde, ein Erbe britischer Wurzeln. Also zurück ins ZR, und als ich meinen Ausstieg verpasste, sagte der Fahrer nur: I bring him home. Was für eine Nacht, was für eine ungeplante Sightseeing-Tour. Es sind diese Abende, die man nicht buchen kann, die einem die Fremde plötzlich vertraut machen.

Weiterreise mit InterCaribbean

Nach einem kurzen Schlaf, noch immer geflasht von der Nacht, weckte mich um sieben die tropfende Klimaanlage. Schnell ein paar Nachrichten, vor allem an Mark, dass ich es heil ins Hotel geschafft hatte, und schon kam eine Mail von Daniel: Dein Flug wird verschoben, hier ist ein neues Ticket. Nur drei Stunden später, also kein Grund zur Sorge. Ich wollte ohnehin endlich weiter, endlich den Rest der Crew kennenlernen, vor allem Katrin und Peter.

Diesmal fragte ich vorher nach dem Taxipreis, fünfzig Barbados-Dollar, alles richtig gemacht. Beim Check-in für die kleine InterCaribbean holte mich dann doch die Realität ein: sechs Pfund Übergepäck, fünfzig Dollar extra und die leise Erkenntnis, dass eben nicht alles perfekt organisiert sein muss. 😉 Der Flieger ging erst um 15 Uhr, vier Stunden Wartezeit, die ich nicht totschlagen, sondern füllen wollte. Und so fiel mir wieder ein, dass ich ja einen Reisebericht schreiben wollte. Ich lese selbst so gern von den Reisen anderer, warum also nicht von meiner erzählen? iPad an, OneNote auf, und während um mich herum die karibische Flughafenluft flimmerte, entstanden die ersten Zeilen dieser Geschichte.

Am Ende des Horizonts

Vielleicht reisen wir nicht, um anzukommen, sondern um zu wachsen. Um die vertraute Welt hinter uns zu lassen und an dem Punkt, wo sie endet, eine neue zu finden. Diese erste Etappe nach St. Vincent und die Grenadinen hat mir gezeigt, dass die schönsten Erkenntnisse jenseits der eigenen Komfortzone liegen, dort, wo der Plan zerfällt und das Leben übernimmt. Und wenn du magst, dann nehme ich dich auf den nächsten Seemeilen weiter mit, dem Horizont entgegen.

Impressionen meiner Segelreise

Ein paar Eindrücke von Sail and Chill, der Segelreise durch St. Vincent und die Grenadinen, dort, wo Himmel und Meer dieselbe Farbe tragen: