Aufbruch in Greven
Gestern Abend habe ich geschrieben, ich sei längst angekommen, bevor ich überhaupt losgefahren bin. Heute bin ich dann wirklich losgefahren. Eingeschlafen bin ich gut, dank des Ouzos von gestern Abend, doch kurz vor fünf hat mich die Wärme in meiner Wohnung wieder geweckt; die Nacht hatte keine Abkühlung gebracht. Um 7:25 Uhr bringt mich meine Schwester Karin zum Bahnhof Greven, und die Hitze ist schon da: 25 Grad am frühen Morgen. Im Radio die Meldung, dass ab dem Nachmittag einige Züge wegen der Hitze ausfallen werden. Zum Glück bin ich früh dran. Manchmal ist Früh-dran-Sein die einzige Form von Kontrolle, die uns auf Reisen bleibt.
Die Bahn ist heute, man glaubt es kaum, zuverlässig. Pünktliche Ankunft in Münster, und auf der Anzeigetafel leuchtet schon der ICE 515 Richtung Duisburg, keine dreißig Minuten warten, einfach einsteigen. Komisch nur, dass die Verbindung in der Bahn-App gar nicht auftaucht. Dann fällt es mir ein: Die Strecke über Hagen und Wuppertal wird gerade generalsaniert, der ICE fährt eine Umleitung, von der die App nichts weiß, die Tafel aber schon. Das ganze Ruhrgebiet leidet unter dieser Generalsanierung, alle Züge werden auf die verbliebenen Strecken umgeleitet, und der ICE, der sonst einfach durchrauscht, hält nun in jeder Stadt: Dortmund, Bochum, Essen, Duisburg, alles dicht beieinander. Tour de Ruhr nennen sie das, überlastetes Netz, volle Züge. Wer heute hier durchmuss, braucht Geduld oder Glück. Ich hatte beides, und am Ende immer einen Zug früher als geplant.
Mir gegenüber im ICE saß ein Student aus Paderborn, um vier Uhr morgens aufgestanden, Flug nach Dublin kurz vor zehn. Sein ursprünglicher Zug war ausgefallen, der ICE hatte in Duisburg leichte Verspätung, und er musste unbedingt die RE 1 um 9:23 Uhr erwischen, sonst wäre ihm das Gate vor der Nase zugefallen. Nur eine Stunde Puffer am Flughafen, dachte ich, das ist zu wenig. Wir kamen pünktlich in Düsseldorf an, und ich hoffe, er hat es geschafft. Wahrscheinlich. Es ist seltsam, wie sehr einen das Schicksal eines Fremden beschäftigt, mit dem man eine Stunde lang dasselbe Stück Strecke teilt und den man danach nie wiedersieht.

Am Flughafen Düsseldorf dann der kleine Triumph des Reisenden: Koffer 19,8 Kilo, drei Kilo Reserve, kein Stress. Der Check-in läuft heute fast von selbst, Bordkarte scannen, der Baggage Tag kommt automatisch aus dem Automaten, Koffer aufgeben, fertig. So soll das sein. Nur beim Kaffee von Kamps stolpere ich kurz: Beim Kartenzahlen fragt mich das Terminal nach Trinkgeld. Ich finde das übergriffig. Ich wurde nicht bedient, ich habe selbst bestellt und selbst geholt, Trinkgeld wofür genau? Dieser amerikanische Trend macht sich auch hier breit, und er passt nach Deutschland genauso wenig wie an einen Bäckertresen.
Auf der großen Videoleinwand läuft die amtliche Hitzewarnung: Berlin 39 Grad, Athen 33. Ich habe es fotografiert, weil es genau das bestätigt, was ich gestern Nacht schon geahnt hatte. Wer heute nach Griechenland fliegt, fliegt ins Kühlere. Aus einem Funfact am Tisch im Zeus ist über Nacht eine amtliche Meldung geworden.
Ein Land von oben

Der Flug nach Thessaloniki war angenehm. Beim Aufsetzen klatschten einige Passagiere, und ich frage mich das jedes Mal, denn beim Busfahrer klatscht man ja auch nicht, aber gut, wahrscheinlich ist es einfach die Erleichterung. Was diesen Flug besonders gemacht hat, war die Sicht. Die ganze Zeit konnte man auf Deutschland hinunterschauen, sehen, wie grün dieses Land ist und wie es zugleich unter der Hitze ächzt, die flimmernde Luft noch aus zehntausend Metern spürbar. Kurz nach dem Start lag der Rhein bei Köln unter mir, ein silbernes Band durch einen Hochsommer, der von oben fast friedlich aussah.
Alleine reisen, aber nicht allein
Jetzt bin ich also in Thessaloniki. Der X1 braucht fünfzig Minuten vom Flughafen in die Stadt, entspannt, günstig, kein Taxi nötig. Und genau hier zeigt das Alleinereisen seinen stillen Charme: Man kommt mit Menschen ins Gespräch, die man sonst nie getroffen hätte. An der Bushaltestelle stand eine Holländerin, ratlos, welchen Bus sie nehmen sollte, wir haben uns geholfen. Sie ist Musikerin, eine Woche beruflich hier, wegen des internationalen IAML-Kongresses, bei dem sich die International Association of Music Libraries vom 28. Juni bis 3. Juli in Thessaloniki trifft. Fachvorträge, Konzerte mit byzantinischer und zeitgenössischer griechischer Musik, eine Ausstellung mit Musikmanuskripten aus tausend Jahren. Für eine Woche ist diese Stadt die heimliche Welthauptstadt der Musikbibliotheken, und ich erfahre es ausgerechnet an einer Bushaltestelle.
Das Hotel, das COLORS Urban Hotel, empfängt mich mit einem schönen Zimmer und einer Aussicht aufs Meer, die genau das tut, was eine gute Aussicht tun soll: Sie nimmt einem die Anstrengung des Tages aus den Schultern.
Direkt hinunter in die Garden Bar. Ich frage nach einem Mythos, und der Barkeeper lacht beinahe. Viele Griechen tränken längst lieber Craft Beer, sagt er, und stellt mir ein Corfu Beer hin. Es kommt aus Arillas im Nordwesten Korfus, 2006 von Spyros Kaloudis gegründet, gebraut nach deutschem Reinheitsgebot, ohne Konservierungsstoffe, vollmundig, frisch, lecker. Mythos kann warten. Manchmal lernt man ein Land neu kennen, gerade weil man glaubt, es schon zu kennen.
The Kitchen, wieder

Und dann das, worauf ich gestern Abend schon angestoßen habe, ohne es zu wissen: The Kitchen Bar am Hafen. Vor Jahren war ich schon einmal hier, modernes Restaurant, Blick aufs Meer, damals wie heute, und gestern im Zeus hat ein einziger Bissen Gyros diese Erinnerung geweckt. Jetzt sitze ich wieder hier, und aus der Erinnerung ist tatsächlich Gegenwart geworden. Die Carbonara ist der Hammer, alles frisch, echter Käse, keine Sahne, so wie es sein soll.
Unter dem Teller, auf dem Tischset, stand das Motto der Bar: Now is the perfect time to enjoy food made with love by creating memories with people you love. Teil einer Kampagne mit dem schönen Namen The Inspired Stories of Thessaloniki. Ich saß allein an diesem Tisch und las diesen Satz über das Essen mit Menschen, die man liebt. Ich genoss mein Essen für mich, den Blick auf das Meer gerichtet, wo die Sonne langsam unterging. Alleine reisend, aber nicht allein.
Danach schlendere ich noch die endlos lange Uferpromenade entlang, immer am Wasser, vorbei am Weißen Turm, bis hin zu den Umbrellas. Es ist die blaue Stunde, die untergehende Sonne taucht das Meer und die Stadt in wunderbare Farben. Ich mache ein paar Fotos, von der Promenade, vom Turm und von den Umbrellas. Überall Jogger, Familien, junge Leute, die auf den Stufen zum Wasser sitzen. Thessaloniki ist wirklich eine junge, dynamische Stadt.
Den Abend habe ich an den Umbrellas von Giorgos Zongolopoulos ausklingen lassen, bei einem Aperol Spritz, das Kunstwerk und den Springbrunnen im Rücken, den Blick aufs Meer gerichtet. Vierzig durchsichtige Regenschirme auf dreizehn Meter hohen Edelstahlmasten, scheinbar schwerelos in den Himmel gereckt, 1997 errichtet, als Thessaloniki Europäische Kulturhauptstadt war, heute das meistfotografierte Motiv der Stadt. Angenehm warm, während in Deutschland die Hitze drückt und die Züge stehen. Hier ist es einfach ein schöner Sommerabend. Gestern habe ich geschrieben, die Reise beginne nicht am Flughafen, sondern am Tisch unter Freunden. Heute weiß ich: Sie geht weiter, wo ein Fremder zum Gesprächspartner wird, ein altes Restaurant zur Gegenwart und ein lauer Abend am Meer zu der leisen Gewissheit, am richtigen Ort zu sein.

