Nichts geht verloren
Wie immer um neun Uhr auf. Erst die Kabine aufräumen, und prompt die kleine Krise des Morgens: Die externe Festplatte ist weg, die Sonnenbrille auch. Also klar Schiff gemacht, jeden Winkel durchsucht, und siehe da, alles wieder da. An Bord gilt eben: Nichts geht verloren, es liegt nur woanders. Zum Frühstück ein Kaffee, mehr braucht es heute nicht. Um halb zwölf legen wir ab, Kurs Ostküste Sithonia, der Himmel bewölkt, eine kühle Brise, fünfundzwanzig Grad.
Wettermodelle und Schmetterlinge
Zunächst müssen wir motoren, es weht schlicht zu wenig, sechs Kilometer pro Stunde aus Südost, kein Wunder bei diesem Himmel. Dann Regen, nicht bestellt, aber erfrischend, und der Athos, der sich den ganzen Tag hinter Wolken versteckt. An Bord entspinnt sich eine Diskussion über Wettermodelle. Zwei beherrschen die Vorhersagen: das europäische ECMWF und das amerikanische GFS. Der Dienst, dem wir vertrauen, kombiniert das ECMWF mit lokalen Daten, und tatsächlich, um drei Uhr kommt die Sonne, pünktlich wie angekündigt.

Also Segel gesetzt, diesmal in Schmetterlingsstellung: das Großsegel nach Backbord, die Genua nach Steuerbord, der Wind von hinten bei hundertsiebzig Grad, und die SY ANNA gleitet ruhig übers Meer wie ein Falter, der sich treiben lässt. Diesen Anblick will ich festhalten und hole zum ersten Mal das vierzehn Millimeter Objektiv hervor, den extremen Weitwinkel: Weite, Perspektive, Schärfe, genau das, was kein Smartphone kann. Berge links, Meer rechts, die gespreizten Segel im Vordergrund. Hinter dem Boot läuft die Angelschnur, ein fetter Köder daran, die Hoffnung heißt Thunfisch zum Abendessen.
Karibisch ist kein Marketingwort
Um zwanzig vor sechs fällt der Anker in der Blue Lagoon, neunundfünfzig Meter Kette. Ein schmaler Meeresarm zwischen der Insel Diaporos und dem kleinen Eiland Agios Isidoros, seichtes Wasser über weißem Sandboden, und aus dieser Mischung aus Sand und Tiefe leuchtet das Wasser in einem fast unwirklichen Gletscherblau. Karibisch ist hier kein Marketingwort, es stimmt einfach.

Was für ein Sonnenuntergang. Mit dem Dinghi geht es hinüber zur Floating Bar, der schwimmenden Bar mitten in der Bucht, ein Kaiser Bier in der Hand, sich treiben lassen, ein paar Instagram-Stories, weil manche Orte einfach danach verlangen, geteilt zu werden. Volle Punktzahl für diesen Spot. Und dann, endlich, ein Mythos Ice, die griechische Antwort auf das mexikanische Bier mit der Limette, klar und leicht mit Zitrone. Nach mehr als einer Woche schmeckt es wie eine kleine Belohnung.
Ein Himmel voller Sterne
Das Abendessen an Bord, und über uns wechselt der Himmel die Farben. Noch einmal hole ich das vierzehn Millimeter Objektiv hervor, diesmal für den Himmel selbst, der über der Bucht einfach nicht aufhört, sich zu verwandeln.
Die Sterne treten hervor, einer nach dem anderen, noch ohne Mond, und über der Bucht liegt eine Stille, die man fast anfassen könnte. Kopfhörer auf, Coldplay, A Sky Full of Stars. Und ich denke: Segeln heißt, den Anker zu lichten und an Orte zu kommen, die auf keiner Google-Maps-Karte stehen. Solche Orte findet man nicht. Man erlebt sie. Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen Reisen und bloßem Ankommen.
Zeus sagt Hallo
Und dann, mitten in der Nacht, sagt Zeus noch einmal Hallo. Starker Regen, Blitze über der Bucht, und Thomas muss in Windeseile alle Luken schließen, denn Wasser an Bord ist das Letzte, was man will. Ich liege unter Deck und höre dem Gewitter zu, dem Trommeln auf dem Rumpf, dem fernen Grollen, und irgendwo zwischen Ehrfurcht und Geborgenheit merke ich, dass beides zusammengehört. So ein Tag beginnt mit einer verlorenen Sonnenbrille und endet unter einem Himmel voller Blitze, und dazwischen liegt ein Ort, den keine Karte kennt.

