Tag 5 – An Tagen wie diesen

Poseidon wiegt mich in den Schlaf

Poseidon wiegt mich in den Schlaf, tief und fest, und als ich um neun Uhr aufstehe, auf seine Nase schaue und einmal tief durchatme, ist da nur ein Wort: herrlich.

Poseidon, Gott des Meeres, Bruder des Zeus. Als die Welt nach dem Sturz des Kronos verteilt wurde, bekam Zeus den Himmel, Hades die Unterwelt und Poseidon das Meer, das er mit seinem Dreizack beruhigen oder aufwühlen konnte. Zu ihm beteten die Seefahrer, wenn sie sicher ankommen wollten. Gestern habe ich an seiner Nase geschlafen. Heute Morgen lacht er. Dazu ein fantastisches Omelett und ein Kaffee zum Wachwerden – so darf ein Tag beginnen.

Mit dem Seepferdchen durch die Ägäis

Um elf der Sprung ins Wasser, türkis und klar, einmal ums Boot herum. Unter mir ein kleiner Schwarm winziger weißer Fische, und über mir bläst Poseidon jetzt ein wenig kräftiger: Die Wellen stehen höher als gestern, die Badeplattform klatscht rhythmisch aufs Wasser. Ich, Schwimmer mit gerade einmal einem Seepferdchen-Abzeichen, ziehe trotzdem meine Runde – denn hier trägt mich das Meer. Salzwasser ist dichter als Süßwasser, es schiebt einen nach oben und hält einen an der Oberfläche, wo einen das Schwimmbad längst sinken ließe. Poseidon trägt mich. Was will man mehr. Vielleicht ist das eine der leiseren Lektionen dieser Reise: dass man in einer Sache nicht der Beste sein muss, um sie mit ganzem Herzen zu tun.

Kap Sevas und der Athos am Horizont

Kurz vor zwölf ging der Anker hoch, weiter nach Süden. An Bord wird geplaudert, Geschichten aus dem Leben, verschiedene Biografien, verschiedene Erfahrungen, und immer wieder staune ich, was Menschen alles erlebt haben, wenn man ihnen nur zuhört.

Gegen drei segeln wir um Kap Sevas, die äußerste Südspitze von Kassandra. Backbord das Kap, das wir umrunden, um auf die Westseite zu kommen, steuerbord die Spitze von Sithonia, dem mittleren Finger Chalkidikis. Und ganz weit hinten am Horizont der Athos, zweitausenddreiunddreißig Meter hoch, seit über tausend Jahren autonome Mönchsrepublik. Die Sage erzählt, ein Riese namens Athos habe einen Felsen nach Poseidon geschleudert, der ins Meer fiel und zur Halbinsel wurde. Zu weit für die Kamera. Ich schaue einfach, Sithonia im Vordergrund, der Athos dahinter, und lasse den Moment sein, was er ist. Nicht jeder Anblick will festgehalten werden. Mancher will nur gesehen werden.

Wieder ein Fuß auf Kassandra

Um fünf fällt der Anker vor dem Glarokavos Beach an der Westküste, fünfundzwanzig Meter Kette. Der neue Segelbegriff des Tages heißt Schwojkreis, der Radius, den ein ankerndes Boot beschreibt, wenn Wind und Strömung es drehen – ein Kreis, in dem man frei ist und doch gehalten, verankert im Grund. Und liegt der Anker erst, will es die gute Tradition an Bord, dass ein Ankerbier geöffnet wird – kalt, versteht sich.

Dann mit dem Dinghi an Land, und zum ersten Mal seit Jahren setze ich wieder einen Fuß auf Kassandra. Die erste Handlung: eine Dose Bier aufmachen, Vergina natürlich, gebraut mit makedonischer Gerste, mitgebracht vom Boot, kalt, am Strand. Manche Rückkehr braucht kein großes Zeremoniell, nur ein kühles Bier und den Sand unter den Füßen.

Zu Fuß weiter zur Glarokavos-Lagune, dem Blauen See von Chalkidiki, laut European Best Destinations einer der schönsten Strände Europas: türkisblaues Wasser, Pinien fast bis an die Wellen, an der schmalsten Stelle nur ein Sandstreifen zwischen Lagune und Meer. In der Lagune dümpeln alte Boote, ringsherum wird gecampt, Bulgaren, Rumänen, Serben, balkanischer Sommer. Und mittendrin, zwischen Zelten und Plunder, eine kleine Hippie-Hütte, davor die lebensgroße Figur eines Adonis, der freimütig sein bestes Stück präsentiert. Ein Motiv, das ich, sagen wir, ganz besonders für die Frauen der Welt festgehalten habe.

Von hier aus sieht man die kleine Insel Kelyfos, und das weckt Erinnerungen. Mit Frosch gab es zahllose Sunset-Touren dorthin, legendär die allererste: Thunderstruck von AC/DC viel zu laut aus den Boxen, leere Mythos-Dosen, die wir ins Meer warfen und die oben schwammen, ein schwankender Rückweg, die Sonne längst untergegangen, kein Bier mehr an Bord. Ein Klassiker. Heute ist es ruhiger: an der Strandbar ein Alpha, House-Musik im Hintergrund, die Aussicht. Manche Orte besucht man zweimal, einmal in echt und einmal in der Erinnerung, und beide Male sind wahr.

An Tagen wie diesen

Um acht zurück am Boot, und wie jeden Tag der Sprung ins Meer. Das Wasser ist ruhig geworden. Ich halte mich an der Ankerkette fest, die senkrecht in die Tiefe läuft, schnurgerade zum Grund, und lasse den Blick schweifen: Kassandra steuerbord, Sithonia backbord, dazwischen Kelyfos, das aussieht wie der Rücken einer Schildkröte. Vermutlich kommt daher der Name, denn Kelyfos heißt auf Griechisch Schale oder Panzer.

Vom Wasser aus bitte ich einen Mitsegler um ein Bier, und die Dose kommt geflogen, mit einem Arm gefangen, natürlich. Bier geht nicht unter, das habe ich schon bei der ersten Kelyfos-Tour gelernt. Es schmeckt ein wenig salzig. Ich schwimme weiter hinaus, weg vom Boot, und die Sonne sinkt über der Spitze von Kassandra. Diese Perspektive aus dem Wasser – die besten Fotos entstehen manchmal auf einer Speicherkarte, die keine ist. Sie bleiben im Kopf.

Im Kopf summt ein Lied der Toten Hosen. An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit, und für eine knappe Stunde, bis die Sonne ganz verschwunden ist, schwimme ich einfach weiter. Kein Ende in Sicht. Und vielleicht ist genau das das Geschenk solcher Tage: dass sie uns für einen Moment vergessen lassen, dass überhaupt etwas enden könnte.

Bilder eines Tages im Süden Kassandras