Aufwachen in der Bugkabine
Gut geschlafen – dass man in der Bugkabine gut schläft, wusste ich längst. Sie ist bequem, man liegt vor Anker im Wind, das Boot richtet sich in ihn hinein, und die Wellen wiegen einen in den Schlaf. Durch die Luke kommt eine kühle Brise, die ersten Lichtstrahlen wecken mich ganz langsam. Blauer Himmel, Salzluft in der Nase. Besser kann ein Morgen nicht beginnen.
Gestern Abend hatte ich noch gut gegessen in Nea Michaniona und davor das Spiel geschaut, Deutschland gegen Paraguay, raus im Elfmeterschießen. Aber das berührt mich kaum noch. Die Reise zählt hier mehr als jedes Turnier. Zum Frühstück an Bord frisches Obst, Tomaten, Gurke, Feta, und ein Kaffee, der wirklich schmeckt. Die SY ANNA ist in Top-Zustand, und das merkt man an genau solchen Kleinigkeiten.
Jeden Tag ein kleines Abenteuer
Vor dem Aufbruch noch ein Sprung ins Meer, dann der Einkauf für die nächsten Tage. Beim Segeln steht man ständig vor kleinen Problemen, die gelöst werden wollen, und Thomas bringt es auf den Punkt. Die Pointe diesmal: ein voller Einkaufswagen, dreißig Grad, eine steile Rampe hinunter zum Boot. Jeden Tag ein kleines Abenteuer. Vielleicht ist das überhaupt der Kern dieser Reise – nicht das große Ziel, sondern die vielen kleinen Aufgaben, an denen man wächst, ohne es zu merken.
Nicht der Kompass, sondern der Wind
Kurz vor eins ging der Anker hoch, zunächst unter Motor Richtung Kassandra. Doch dann kam der Wind auf, der Motor ging aus, und Thomas bereitete das Code Zero vor, ein großes, leichtes Segel für genau die Lücke, in der eine Genua zu klein und ein Gennaker zu viel wäre. Der Kompromiss, der beides kann.
Und welchen Kurs wir fahren? Nicht nach Karte. Wir segeln hart am Wind, an der Windkante, bei achtunddreißig, vierzig Grad zum scheinbaren Wind. Nicht das Ziel auf der Karte bestimmt die Richtung, sondern der Wind. Erst wenn man die Windkante kennt, weiß man, wo man hinkommt. Die SY ANNA krängt sich, die Lee-Seite taucht tiefer ein – und genau dieses Schräglaufen ist es, wofür man segelt.
Die Sonnenseite
Dreißig Grad werden es heute, angenehm warm, keine Schwüle mehr wie noch vor ein paar Tagen. Ich lasse die Gedanken schweifen und tue nichts außer da sein. Die Crew funktioniert als Team, alle entspannt; ich brauche meine AirPods nicht, und das Buch von Boris Herrmann, Die Welt unter meinem Boot, bleibt im Koffer. Keinen Rückzugsort brauche ich, falls es an Bord einmal nicht läuft. Diesmal ist kein Drama nötig.
Apropos Drama. Das Sinnbild des griechischen Theaters sind zwei Masken, die lachende Komödie und die traurige Tragödie, seit der Antike untrennbar. Ich glaube, die Götter meinen es diesmal gut mit mir: Sie servieren mir die Sonnenseite. Ich lache und nehme die helle Seite der Maske.
Ein Bier für Ines
Um halb fünf sind wir auf Höhe des Kanals von Potidea, jener schmalen Wasserstraße, die Kassandra vom Festland trennt und die Halbinsel faktisch zur Insel macht. Wir fahren nur draußen daran vorbei, der Kanal ist zu eng für die SY ANNA. Und doch öffnet dieser Ort etwas in mir.
Er weckt eine Erinnerung an Ines, 2013 Teamerin bei Frosch in Kriopigi, meinem allerersten Griechenlandurlaub. Positiv verrückt, in der besten Weise. Mit ihr habe ich vor gut zehn Jahren eine große Canyoning-Tour gemacht, mit der Baseline-Truppe aus Thessaloniki, durch Schluchten am Olymp, von Wasserfällen springen. Eine Geschichte ist mir bis heute geblieben: Mitten im Canyon, kurz bevor wir uns fünfundzwanzig Meter durch einen Wasserfall abseilen sollten, die anderen schon unten, sagt der Guide Nathan zu mir, erst einmal eine kleine Zigarettenpause. Damals lernte ich viel über griechische Gelassenheit.

Ines hatte ihr eigenes Ritual. Sobald wir den Kanal passierten, öffnete sie eine Dose Bier. Auf Kassandra. Jedes Mal derselbe Satz, derselbe Moment, ein kleines Zeichen für den Übergang: Jetzt sind wir angekommen. Und so mache auch ich heute, genau auf Höhe des Kanals, mein Bier auf. Eine kleine Hommage an Ines. Manche Orte tragen wir nicht auf der Karte mit uns, sondern in den Menschen, die wir dort getroffen haben.
Poseidons Nase
Um zehn nach sieben abends erreichen wir das Kap Possidi an der Westküste von Kassandra und setzen den Anker, dreißig Meter Kette. Ein langer Sandsporn, der weit ins Meer hinausragt, Poseidons Nase nennen sie ihn wegen seiner Form, und tatsächlich ist die ganze Gegend nach dem Meeresgott benannt. Ein kleiner Leuchtturm aus dem Jahr 1864 markiert die Spitze, deren Form sich mit Wind und Strömung ständig verändert. Kein Besuch gleicht dem anderen.

Um zwanzig nach acht versinkt die Sonne hinter dem Olymp, magisch wie immer. Als Fotograf habe ich solche Momente hundertmal eingefangen, und trotzdem hebe ich wieder die Kamera. Es ist einfach schön, jedes Mal. Dazu heute Vollmond. Gibt es etwas Schöneres? Und während der Mond aufgeht und der Berg der Götter die letzte Sonne schluckt, denke ich, dass ein Tag nicht groß sein muss, um vollkommen zu sein. Er muss nur ehrlich sein, von morgens bis hierher.

