Tag 3 – Abfahrt zum Segelboot: Eine Handbreit Wasser unter dem Kiel

Frühstück, Amy Winehouse und der Urlaubsmodus

Es gibt Momente im Leben, in denen man merkt, dass man wirklich angekommen ist – nicht am Ziel, sondern im Urlaub. Bei mir war es ein Frühstück in aller Ruhe, Amy Winehouse im Ohr, Back to Black, und plötzlich war jede Hektik der vergangenen Tage abgefallen. Kein Termin, kein Müssen. Heute würde ich an Bord gehen.

Zeus auf dem Rücken

Am Morgen schlenderte ich noch über den Kapani-Markt, den ältesten der Stadt, früh und still, bevor der Trubel ihn füllt. Zwischen frischem Fisch und Ständen voller Klamotten hängen geblieben bin ich an einem T-Shirt und einer Shorts, zwanzig Euro für beides. Auf dem Rücken des Shirts zwei große Adlerflügel, dahinter Blitze, und erst auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass die Flügel sich auf der Hose fortsetzen. Beides zusammen ergibt ein Motiv, und was für eines: der Adler des Zeus, Träger seiner Blitze. Ich trage Zeus auf dem Rücken, gekauft in einer Stadt, die ihn im Namen trägt.

Und eigentlich ist längst klar, wo ich das Outfit nach der Rückkehr zum ersten Mal tragen muss: im Restaurant Zeus in Greven. Wenn ich da zur Tür hereinkomme, Adlerflügel auf dem Rücken, Blitze auf der Hose, was sollen Maria und Balantis dann denken? Zeus höchstpersönlich ist zu Besuch. Immerhin konnte er sich in der Mythologie in alles verwandeln. Warum also nicht in einen Touristen aus Greven?

Die Schriftstellerin Esther M. Friesner hat den Unterschied einmal auf den Punkt gebracht:

Aphrodite had the beauty; Zeus had the thunderbolts. Everyone loved Aphrodite, but everyone listened to Zeus.

Esther M. Friesner

Ich wähle Zeus.

Ankommen an der Marina

Um zwölf Uhr stand ich an der Marina, türkisfarbenes Wasser, Segelboote am Kai. Sofort aufs Boot? Natürlich nicht, der Grieche hat Zeit, und so kam erst einmal ein Freddo Cappuccino. Dann die Suche nach dem richtigen Steg – keine große Marina, auch keine schöne, ein paar Boote standen sogar aufgebockt zur Reparatur, und kein Plan, wo die SY ANNA liegt. Ein wenig verloren stand ich da, das Boot wollte sich nicht finden lassen. Dann kam ein Mann auf seinem Roller, ein Mitarbeiter des Hafens, und fragte, ob ich Hilfe brauche. Er fragte kurz seinen Chef, wo die SY ANNA genau liegt, lud meinen Koffer vorne auf den Roller und fuhr mich direkt hin. Ich bedankte mich mit einer herzlichen Umarmung. Manchmal braucht Freundlichkeit keine Sprache, nur einen Roller und einen freien Moment.

Vor dem Ablegen noch ein letzter Einkauf, denn ohne Getränke fährt kein Boot. Mythos? Blieb im Regal. Stattdessen Vergina, das makedonische Lager – besser als Mythos, sagen wir mal so.

Auch Peter rief ich noch an, meinen langjährigen besten Freund, der heute Geburtstag hat. Es gibt Telefonate, bei denen schon der erste Satz alles trägt: Bei ihm und seiner Familie ist alles gut. Mehr braucht es manchmal nicht, um leichter zu werden. Man steht an einem fremden Kai, das Boot wartet, und die wichtigste Nachricht des Tages kommt aus der Heimat – es ist alles in Ordnung.

Seine Tochter Kira sticht bald selbst in See; in Tallinn geht sie als Crewmitglied an Bord der Mein Schiff. Ich erzählte ihm nur, wie viel wärmer es hier in Griechenland gerade ist, und schickte ihr einen Wunsch über die Leitung: eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Vielleicht ist das der schönste Satz, den Seeleute einander mitgeben, kein Versprechen auf ruhige See, sondern auf genug Wasser, um getragen zu werden. Und während ich auflegte, dachte ich, dass wir gerade alle irgendwohin aufbrechen, jeder seinem eigenen Horizont entgegen.

Der wahre und der scheinbare Wind

Um siebzehn Uhr legten wir ab. Thomas zog sofort die Segel hoch, groß und voll, wir gingen auf Amwindkurs, der Autopilot übernahm, und das Boot legte sich in einer schönen Krängung in den Wind.

Und dann dieser eine Moment: Boxershorts, ein funktionelles Shirt, die Sonne im Gesicht. Die Segel trugen uns über das Wasser, und der wahre Wind, der tatsächlich wehende, vereinte sich mit dem scheinbaren, dem gefühlten, der erst durch die Fahrt des Bootes entsteht, zu einer Meeresluft, die sich anfühlte wie eine warme Umarmung. Das ist der Grund, warum man segelt. Nicht das Ankommen, sondern dieses Getragenwerden.

Erste Nacht vor Anker

Um sieben Minuten nach acht fiel der Anker vor Nea Michaniona, einem kleinen Fischerdorf elf Seemeilen südlich von Thessaloniki. Die erste Nacht vor Anker. Die Badeplattform fuhr elektrisch herunter, Thomas holte die erste Runde Ankerbier.

Um Viertel vor zehn dann der Sprung ins Meer, Kopf zuerst. Das Wasser herrlich, frisch, salzig. Einseifen, noch einmal hinein. Und dann der Blick Richtung Olymp, dem Berg der Götter, während die Sonne unterging. Hey Zeus, was wird?

Und in der Nacht läuft Deutschland gegen Paraguay – doch ob ich das Spiel sehe, ist fraglich. Eben war so ein Fußballabend noch ein Fixpunkt, jetzt ist er nur eine Möglichkeit unter dem Sternenhimmel. Vielleicht ist genau das die Freiheit, die man auf dem Meer sucht: nicht das Wegfahren, sondern das Loslassen dessen, was eben noch wichtig schien. Endlich eine Handbreit Wasser unter dem Kiel – und der Horizont, der morgen ein Stück weiter wandert.

Bilder des ersten Segeltags