Ein Kaffee, drei Kugeln
Neun Uhr, ein Kaffee. Wir liegen noch am Steg in Nea Marmara, also ein kurzer Gang ins Eiscafé nebenan: drei Kugeln in den Becher, dazu ein Freddo Cappuccino. Über ein solches Frühstück kann man streiten, aber man muss es nicht. So darf ein Urlaubstag beginnen. Um elf Uhr elf legen wir ab, Kurs Süden, hinunter zur Südspitze von Sithonia; den Sprung ins Meer, das morgendliche Ritual, spare ich mir für später auf, im Hafen geht das nicht.
Zwei Türen zum Meer
Am Mittag, um zwanzig nach zwölf, fällt der Anker vor dem Diaporti Beach. Dia-porti, zwei Türen, zwei Durchgänge, denn die Halbinsel öffnet sich hier gleich zweimal zum Meer. Ein wunderschöner Ort, und ein stiller. Sithonia kenne ich vom Land, von Wanderungen und Buchten, aber es gibt Plätze, die sich nur vom Wasser aus erreichen lassen. Dieser hier ist einer davon.

Wir bleiben lange liegen, den halben Nachmittag. Augen zu, tief durchatmen, nichts tun. Und ich merke wieder, dass auch das eine Kunst ist, das Nichtstun, die man erst draußen auf dem Wasser neu erlernt. Ich frage mich, welcher Wochentag heute ist, und finde die Antwort nicht, und es macht nichts. Kronos lässt grüßen, nicht der Gott, sondern der Titan, Vater des Zeus, den man später zum Sinnbild der Zeit erklärte. Hier draußen hat er nichts zu melden.
Der taube Hafen
Erst um Viertel vor fünf lichten wir den Anker wieder und setzen die Segel. Am-Wind-Kurs, wir kreuzen, und ja, mit Motor geradeaus wären wir schneller da, aber eben nicht so chillig. Das Ziel für die Nacht liegt jetzt vor uns: Porto Koufo, der größte und tiefste Naturhafen Griechenlands, schon vor zweitausendvierhundert Jahren beim Historiker Thukydides erwähnt. Sein Name bedeutet so viel wie tauber Hafen, denn die Bucht ist derart geschützt, dass man das Meer in ihr nicht hört. Die Öffnung zur Ägäis ist von außen kaum zu erkennen; man meint, die Hügelkette liefe durchgehend, und noch im Zweiten Weltkrieg nutzten deutsche U-Boote genau diese Verborgenheit.

Vor drei Jahren stand ich an dieser Einfahrt, an Land, machte Langzeitbelichtungen und dachte: Wie schön wäre es, hier einmal mit einem Segelboot hineinzufahren. Manche Sätze sagt man so dahin, in der Annahme, sie blieben Wunsch. Und nun, an diesem Abend, gleitet die SY ANNA genau dort hindurch, wo ich damals stand.
Ich stehe am Bug und fotografiere, sechzehn Millimeter Weitwinkel, Blende acht, genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ein Traum. Vom Wasser aus genauso magisch wie vor drei Jahren vom Land, und mit jedem Meter, den wir tiefer in den Hafen hineinfahren, öffnet sich ein neuer Blick. Die Felsen schieben sich hinter uns zusammen, und die Bucht nimmt uns auf wie ein geschlossener Raum.
Erst der dritte Anker
Der Empfang ist dann weniger romantisch: Das Ankern wird zur Geduldsprobe. Der erste Versuch mit fünfzig Metern Kette hält nicht, beim zweiten, direkt am Kai, weisen uns die Einheimischen freundlich darauf hin, dass hier gleich ein Fischerboot festmachen will. Also wieder los, drittes Manöver, und die Sonne steht schon tief, während wir noch keinen festen Platz haben. Wir drehen eine kleine Runde, ganz ohne Hast. Wir haben ja Zeit; das ist ohnehin der Satz dieser Reise. Irgendwann hält der Anker, wir bleiben, und ein deutsches Nachbarboot gibt uns noch einen Restauranttipp mit auf den Abend.
Blaue Stunde ohne Kamera
Kurz noch einkaufen, ein touristischer Supermarkt, man liest es an den Preisen, ein Großeinkauf wird das nicht. Dann eine Bank an Land, die blaue Stunde legt sich über die Bucht, und die Kamera bleibt zum ersten Mal seit Tagen einfach am Boot. Es ist Urlaub.
Nach dem Essen noch eine Runde, hinauf zu jenem Punkt, an dem ich vor drei Jahren stand, genau zwischen den Einfahrtsfelsen, wo der Blick durch die schmale Öffnung hinausgeht. Nachts erkennt man von hier die Positionslichter der Boote, links grün, rechts rot, wie kleine Wegmarken auf dunklem Wasser. Ein letztes Bier am Strand, Ruhe, die Gedanken schweifen lassen. Kalinychta, gute Nacht.
Von den alten Seefahrern
Der Abend endet sehr spät, oder sehr früh, das lässt sich hier nicht mehr auseinanderhalten. Thomas und ich sitzen an Deck und reden über die alten Seefahrer. Über Magellan, der 1519 mit fünf Schiffen und mehr als zweihundertvierzig Mann aufbrach, selbst nie zurückkehrte und dennoch die erste Weltumsegelung vollendete. Seine Schiffe waren Rahsegler, Masten mit quer gespannten Segeln, mit denen sich kaum gegen den Wind kreuzen lässt, nur mit dem Wind im Rücken. Die engen Winkel, die wir heute so selbstverständlich fahren, waren für ihn undenkbar. Andere Zeiten, andere Herausforderungen. Wir liegen still und windgeschützt im tauben Hafen, und zum ersten Mal verstehe ich den Namen ganz: Hier drinnen ist es so ruhig, dass man nicht einmal das Meer hört.

