Tag 18 – 65 km/h

Der Wecker klingelt

Sieben Uhr, der Wecker klingelt. Mist. Ich hatte bei Frosch die Biketour mit Mario gebucht, und die startet um neun. Vor einer Woche wurde ich auf der SY ANNA um diese Zeit noch ganz entspannt wach, ohne Wecker, ohne Ziel. Vielleicht ist das hier schon die sanfte Vorbereitung auf nächste Woche, wenn mich der Wecker wieder zum Arbeiten ruft. Noch aber ruft er nur zum Radfahren, und das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.

In die Berge

Um neun geht es los, Mario voran, die Strecke zeichnet Komoot mit. Es geht hinein in die Berge, und mit jedem Höhenmeter öffnet sich der Blick weiter, hinunter auf das Meer, das in der Morgensonne liegt. Fotos, Fotos, Fotos. Am Ende sind es gut dreißig Kilometer und einige hundert Höhenmeter, von Skala Rachoniou an der Küste entlang Richtung Skala Prinos, dann hinauf ins Landesinnere und wieder hinunter ans Wasser.

Um kurz vor halb zwölf ein Zwischenstopp in einem Bergdorf, der Taverna To Spitiko. Wir sind eine kleine Gruppe, fünf Biker, und man unterhält sich, über Fotografie unter anderem. Das Beste an der Pause aber ist frisch gepresster Orangensaft, kalt und süß, an einem Berg über dem Meer, so etwas schmeckt nirgends besser als hier.

Die Bergtour als Karte:

32,7 km Gesamtstrecke
1 Etappen
3 h 38 min Dauer
↑ 503 m Höhenmeter

65 km/h

Um zehn vor eins sind wir zurück. Eine schöne Tour, und das Beste kam zum Schluss: die Abfahrt vom Berg. Fünfundsechzig Kilometer pro Stunde, der Fahrtwind pfeift, die Bremsen bleiben offen. Ein kleines Abenteuer, ein großer Spaß, und für ein paar Sekunden bin ich wieder fünfzehn. Kennst du dieses Grinsen im Fahrtwind noch?

Und ja, auch mit einem E-Bike muss man treten. An den Bio-Bikes bin ich locker vorbeigezogen, das gebe ich zu, aber meine Beine melden sich trotzdem gerade sehr deutlich. Nach der Tour lege ich mich an den Strand unter einen Olivenbaum und bin so müde, dass ich die Zeit einfach verschlafe. Hoffentlich, ohne dabei zu schnarchen.

Pefkospilia Taverna

Am Abend fällt das Hotelessen aus, also frage ich Sophia an der Bar, wo man hier gut isst. Ihre Empfehlung: die Pefkospilia Taverna, gut zwei Kilometer weiter, direkt am Meer, sehr gut. Sie reserviert mir gleich einen Tisch. Jedes Glück schmiedet man eben selbst; man muss sich nur trauen zu fragen.

Um zehn nach sieben sitze ich in der Pefkospilia, direkt am Wasser. Der Kellner fragt, was ich essen möchte, und ich mache es inzwischen umgekehrt: Ich frage ihn, was er hat. Ich möchte Fisch, also schauen wir gemeinsam, was frisch da ist, und die Wahl fällt auf einen roten Fisch, gegrillt, für eine Person.

Es ist ein kleiner Triumph: Ich habe eine Griechin gefragt, wo man am besten isst, und wie so oft waren die Griechen hilfsbereit und haben den besten Tipp gegeben. Volltreffer. Die anderen Frösche gehen woanders hin, ihr gutes Recht. Als der Kellner sagt, mit dem Fisch dauere es ein wenig, antworte ich nur: Siga siga. Er lächelt. Und der Fisch, als er kommt, ist Haute Cuisine, schlicht perfekt.

Sprich mir nicht von Sommern

Zum Nachtisch ein Dubai Kataifi. Kataifi, in Griechenland so geschrieben, in der Türkei Kadayif, ist ein Gebäck aus feinen Teigfäden, das man auch Engelshaar nennt. Hier kommt es in der modernen Dubai-Variante: knuspriger Teig, gefüllt mit Schokoladencreme und samtig-grüner Pistaziencreme, bestreut mit Aegina-Pistazien, ein Dessert mit orientalischer Seele und moderner Finesse. Und das Verrückte: Besser könnte es nicht einmal im besten Restaurant von Paris schmecken, direkt an der Pont Neuf. Hier aber, in einer kleinen Taverne am Meer, wird es serviert. Sophia hatte recht, viereinhalb Sterne bei fast fünftausend Bewertungen lügen nicht.

Die Sonne sinkt langsam über die Berge des Festlands, der Magen ist satt, der Gaumenschmaus bleibt im Kopf. Aus den Boxen läuft Mi Mou Milas Gia Kalokeria von Sofia Arvaniti, ein alter griechischer Popsong von 1990, übersetzt: Sprich mir nicht von Sommern. Ausgerechnet dieser Satz, hier, auf Thassos, mitten im Juli, während ich einen Sommer erlebe, wie es schöner keiner sein könnte. Manchmal fällt einem das Glück erst auf, wenn ein Lied es beim Namen nennt.

Bilder eines Tages auf Thassos