Pyjamastart im blauen Licht
Pyjamastart. Ich wache fast von allein auf, noch bevor der Wecker etwas sagen kann. PhotoPills verrät mir, dass die blaue Stunde um neunundzwanzig Minuten nach fünf beginnt, also raus an Deck, die ersten Fotos im violetten Licht, und der Athos steht wolkenlos am Horizont, als hätte ihn jemand für diesen Morgen freigeräumt.

Um zwanzig vor sechs lichten wir den Anker. Ich setze mich mit dem Fotorucksack auf den Bug und warte, einfach nur warte, das Auge am Sucher, den Blick auf den Gipfel. Und dann, um fünf nach halb sieben, geschieht es: Die Sonne steigt genau über die Spitze des Heiligen Bergs. Blende zu. Das perfekte Foto, auf das man nicht hoffen kann, sondern das man sich verdient, indem man einfach da ist, wach, geduldig, bereit.
Der Heilige Berg
Kaffee um kurz vor sieben, Frühstück um Viertel vor acht, und während wir essen, kommt der Athos immer näher. Zwanzig Klöster liegen an seinen Hängen, siebzehn griechisch-orthodoxe, dazu je eines der Russen, Bulgaren und Serben, bewohnt von rund zweitausenddreihundert Mönchen. Seit dem elften Jahrhundert darf keine Frau die Halbinsel betreten. Was die Mönche dort tun? Beten, arbeiten, schweigen. Keine Zeitung, kein Fernsehen, kein Radio.

Und doch ist die Stille nur die eine Seite. Athos ist ein eigener, uralter Kosmos: Die Mönche nennen die Halbinsel den Garten der Muttergottes, ihr allein geweiht, und genau darum darf keine andere Frau ihn betreten. Das älteste der Klöster, die Große Lavra, wurde schon im Jahr 963 gegründet, und bis heute lebt man hier nach dem julianischen Kalender, rund dreizehn Tage hinter unserer Zeit, und nach byzantinischer Stundenzählung, bei der der Tag mit dem Sonnenuntergang beginnt. Hinter den Mauern lagern unschätzbare Schätze, tausende byzantinische Handschriften, Ikonen und Reliquien, und seit 1988 ist die ganze Halbinsel UNESCO-Welterbe. Von hier draußen, vom Wasser aus, sieht man nur den Berg, schweigend und schön, und ahnt nichts von diesem verborgenen Reichtum.
Nur Wasser am Horizont
Um elf nach neun, auf Höhe des Kaps, kommt endlich Wind auf. Groß raus, Genua raus, wir segeln so hoch am Wind wie möglich, fünfunddreißig, vierzig Grad, und der Motor darf endlich schweigen. Um zehn vor zehn liegt das offene Meer vor uns, der Athos verschwindet achteraus, Thassos ist noch nicht in Sicht, nur Wasser, Wasser bis zum Horizont.
Gegen eins lege ich mich mit dem Rücken auf die Planken des Bugs, Kopfhörer auf, während Thomas die Genua erneut setzt – der Wind kommt und geht heute, mal trägt er uns, mal schläft er wieder ein. Thassos irgendwo voraus, der Athos backbord, dazwischen ich im Chill-Modus. Und dann, rein zufällig, spült die Playlist ein Lied hervor, das kaum besser passen könnte: Easy Now von Melanie Bell.
Schau dich um, mein Junge, heute ist nur heute und nicht morgen. … Ganz ruhig jetzt.
Melanie Bell · Easy Now
Um fünf vor halb zwei weckt mich Thomas. Es gibt Spaghetti. Auf einem Segelboot schmeckt selbst der einfachste Teller wie ein Festmahl, vielleicht, weil man ihn sich mit Salz und Wind und Wartezeit verdient hat.
Ankunft in Aliki
Um zwei nach vier stellen wir den Motor ab und lassen den Anker fallen. Thassos, endlich, die Südspitze, der Bereich um Aliki. Hier ragen antike Marmorsteinbrüche bis ans Meer, und zwischen ihnen liegen die Überreste frühchristlicher Basiliken, Stein auf Stein, von Salz und Zeit geglättet. Ein Ankerbier, dann Ruhe. Fünfundvierzig Seemeilen liegen hinter uns, das Meer war ruhig den ganzen Tag, das Mittelmeer im Sommer, eher Badewanne als See.
Wir fragen uns, welche Fische hier unter uns schwimmen. Meeräschen, silbrig und schlank, ziehen in Schwärmen direkt an der Oberfläche, und als wir ihnen altes Brot hinwerfen, schnappen sie zu, ein kleines, stummes Spektakel im klaren Wasser. Manchmal braucht es nicht mehr als eine Handvoll Brotkrumen, um sich wie ein Kind zu freuen.
Athos im Abendlicht
Um sieben steht die Sonne noch hoch, und ich lasse den Tag mit Lieblingsliedern ausklingen. All Too Well von Taylor Swift, die zehn Minuten lange Fassung, kein Liebeslied, sondern ein Epos über Erinnern, Vergessen und Verletzlichkeit. Dann Miley Cyrus mit More to Lose, und schließlich, noch eins draufgesetzt, Sweet Sounds of Heaven von den Rolling Stones mit Lady Gaga, live. Der Athos liegt nun im Abendlicht hinter uns. Ja, denke ich nur, ja.

Zum Abendessen gibt es keine Souvlakis, nur Sandwiches, doch das ist kein Problem, aus den Resten in der Kombüse wird noch etwas Leckeres. Jeden Tag ein neues Abenteuer, das ist eine der Lektionen dieses Törns, und heute hieß sie: Steh früh genug auf, und das Meer schenkt dir einen Sonnenaufgang über einem heiligen Berg.

