Vorletzter Tag
Neun Uhr, Kaffee, Stille. Es ist der vorletzte Tag an Bord, und mein Zeitgefühl ist längst irgendwo zwischen den Buchten verloren gegangen. Um kurz vor zehn dann schnell ins Meer, die Dusche für morgen sozusagen, denn als Spätaufsteher muss man sich beeilen, wenn alle anderen längst bereitstehen. Um neun nach zehn kommt der Anker hoch, Kurs ostwärts um Thassos herum, auf die Seite, wo die Sonne aufgeht.
Auf den Spuren von Thasos
Das Ziel heißt Limenas, die Inselhauptstadt, und der Name ist so schlicht wie ehrlich: Limenas bedeutet einfach der Hafen. Doch woher hat die Insel selbst ihren Namen? Von Thasos, dem Sohn des phönizischen Königs Agenor. Als Zeus einst in Gestalt eines Stiers dessen Tochter Europa entführte, schickte Agenor seine Söhne los, sie zu suchen, mit dem strengen Befehl, ohne sie nicht zurückzukehren.
Thasos suchte überall, bis er schließlich hier landete, sich vom Klima und der Vegetation verzaubern ließ und blieb. Europa fand er nie. Aber die Insel trägt bis heute seinen Namen, und Europa den eines ganzen Kontinents. Manchmal, denke ich, findet man auf der Suche nach einem Menschen am Ende nur einen Ort, an dem man bleiben will.
Das beste Öl Griechenlands
Unterwegs noch kurz in eine Bucht hineingeschaut, Aliki Beach, die von Weitem wie eine Herzbucht aussieht, doch sie ist belegt, kein Platz zum Ankern. Mit den Herzbuchten, so scheint es, wird das auf diesem Törn nichts mehr. Es ist frisch heute, eine kühle Brise weht, oder habe ich mich einfach zu sehr an die Wärme gewöhnt?
Ich stelle in die Runde die Frage, wo in Griechenland die besten Oliven und das beste Öl herkommen, und gebe die Antwort gleich selbst: von hier, von Thassos. Die Sorte Throumba Thassou wächst fast nur auf dieser Insel, an die eine Million Bäume, manche über zweitausend Jahre alt, und ihre Oliven bleiben bis zur vollen Reife am Baum. Vor zwei Jahren stand ich selbst bei den Sotirelis-Ölmühlen in Panagia, wo die Familie seit 1915 Öl presst, früher ganz ohne Strom, angetrieben vom Wasser dreier Bergquellen. Die Wassermühle läuft bis heute, die einzige ihrer Art in ganz Griechenland. Ungefiltert, kaltgepresst, goldgelb, und eine Flasche davon hat man danach eben im Koffer.
Bar in the Rocks
Um halb eins fällt der Anker vor dem Makryammos Beach, kurz vor Limenas. Direkt am Strand die Taverne Faros, die Liegen in den Fels gehauen, weshalb sie hier nur die Bar in the Rocks heißt, und der Blick geht hinaus auf eine kleine, unbewohnte Insel. Sofort bin ich wieder in Mochlos auf Kreta, im Jahr 2020, ein winziges Fischerdorf, gegenüber ein Eiland mit minoischen Ausgrabungen aus der Bronzezeit. Dasselbe Bild, dasselbe Gefühl, als hätte das Meer nur den Namen gewechselt.

Schnell noch ein Bier geholt, ein Mythos, denn gestern sind wir auf Grund gelaufen und das Ankerbier fiel aus, und Segeltraditionen müssen nun einmal eingehalten werden. Dazu Pork Chops, ein Kotelett, wie man es nur in Griechenland bekommt, saftig und satt, eine kleine Delikatesse.
Ausgelassen am Anker
Zurück an Bord wird es ausgelassen. Thomas kommt mit Nachschub vom Supermarkt, Bier und Chips, diesmal eine neue Sorte, Mamos, eines der ältesten griechischen Biere, erstmals 1876 gebraut und heute nach altem Rezept neu aufgelegt. Schmeckt fast wie Bitburger, sage ich, und meine es als Kompliment. Die Stimmung ist bestens, gelöst und heiter, so wie sie nur wird, wenn ein Törn sich dem Ende neigt und niemand mehr irgendetwas beweisen muss.
Bei diesem ausführlichen Ankerbier fragt Thomas, ob ich die Tiny Desk Concerts kenne, diese kleinen Konzerte, die der Sender NPR mitten im Büro aufnimmt, große Musiker im kleinsten Rahmen. Sein Favorit ist Alicia Keys, und wir hören Fallin‘. Für einen Moment ist die enge Kajüte ein Konzertsaal, und ich denke, dass die größten Momente fast immer die kleinsten sind.
Siga siga
Um zwölf nach fünf macht die SY ANNA im neuen Hafen von Limenas fest, längsseits mit Vor- und Achterleine. Das vorletzte Ankerbier. Und am Abend das Restaurant Simi, der Sonnenuntergang, ein Steak in Pfeffersauce, dazu, Dionysos sei Dank, ein Ouzo mit sechsundvierzig Prozent, den man nur langsam trinken kann.
Siga siga, sagen die Griechen, σιγά σιγά, langsam langsam, ihr Gegenstück zu unserem immer mit der Ruhe. Die Lebensphilosophie eines ganzen Landes in zwei Wörtern, und an einem vorletzten Abend auf dem Wasser versteht man sie vielleicht zum ersten Mal ganz: Es gibt nichts zu erreichen. Es gibt nur diesen Ouzo, diese Sonne, dieses langsame Verschwinden des Lichts. Siga siga.

