Tag 12 – Der letzte Schlag

Der Abend, der nicht enden wollte

Der Abend zuvor endete spät. Wir blieben lange an Deck, ein paar Bierchen, ein paar Ouzos, und irgendwann zeigten sie ihre Wirkung. Die Musik lief, jeder durfte sich einen Lieblingssong wünschen, von Music Was My First Love über Led Zeppelin bis Lady Gaga, ein wildes, schönes Durcheinander aus Leben. Der Abend wollte einfach nicht enden, und keiner von uns wollte, dass er es tat.

Hinauf zur Akropolis

Und doch hatten wir für den letzten Tag noch etwas vor: eine Wanderung hinauf zum antiken Theater von Thassos und weiter zur Akropolis. Das Wort bedeutet nichts anderes als Oberstadt, die hochgelegene Festung einer griechischen Stadt, die im Lauf der Jahrhunderte zum Kultplatz mit den wichtigsten Heiligtümern wurde. Fast jede antike Stadt besaß eine; die berühmteste steht in Athen, doch auch Thassos hatte seine eigene.

Kaffee, Wanderschuhe an, los, fünf Kilometer. Eigentlich war diese Tour für nächste Woche mit Frosch Sportreisen vorgesehen, aber die Aussicht, das Theater, das alte Gemäuer, all das war zu schön, um zu warten. Also habe ich den Plan kurzerhand vorgezogen. Es gibt Dinge, für die man keinen Termin braucht.

Bis Sonntag

Auf dem Rückweg kommt uns eine Wandergruppe entgegen, und ich erkenne sie sofort: Frösche. Die Wanderguide grüßt, ich grüße zurück und sage nur: Bis Sonntag! Sie schaut mich verdutzt an, also stelle ich mich vor, sie heißt Steffi, und erkläre, dass ich gerade noch auf dem Segelboot bin und ab Sonntag eine Woche mit Frosch auf Thassos dranhänge. Zufälle gibt es. Sie fragt, wie ich denn herüberkomme, und ich scherze: Stell schon mal das Bier und den Ouzo kalt.

Nach der Wanderung dann die Karnagio Beach Bar, direkt neben dem antiken Theater, den Blick aufs Meer. Ein Frappé mit Milch, ohne Zucker, den ersten nach elf Tagen, gönne ich mir jetzt. Frappé ist das griechische Getränk schlechthin, eisgekühlter Instantkaffee, aufgeschäumt, mit Milch, 1957 rein zufällig auf einer Messe in Thessaloniki erfunden. Passt, denke ich, ein Getränk, das aus einem Zufall entstand, an einem Tag voller Zufälle.

Der letzte Schlag

Um zehn nach eins legen wir ab, der letzte Schlag. So nennt man beim Segeln das Zurücklegen einer Strecke auf einem Kurs, von A nach B, ohne zu wenden. Heute geht er Richtung Kavala. Um Viertel nach zwei noch ein letzter Badestopp bei Faros, der Leuchtturm-Landzunge an der Nordspitze von Thassos, türkisblaues Wasser, eine Ruhe ohne Ende.

Die Strömung misst nur vier Zehntel Knoten, das klingt nach nichts, fühlt sich im Wasser aber ganz anders an. Ich springe kopfüber hinein, komme dem sandigen Grund ganz nah, und beim Zurückschwimmen gegen die Strömung wird mir als ungeübtem Schwimmer noch einmal alles abverlangt. Am Ende halte ich mich an der Fenderleine fest und ziehe mich zurück ans Boot. Habe ich die Strömung unterschätzt? Vielleicht. Aber es ist der letzte Badestopp dieses Törns, und der musste einfach sein.

Erst Halbzeit

Um Viertel vor fünf kommt der Anker hoch, Kurs Keramoti, der Fährhafen gegenüber von Thassos, von dem morgen die Fähre geht. Und es ist ein seltsames Gefühl: Die Crew redet schon von Abreise, während ich in Wahrheit noch elf Tage vor mir habe, bis mein Rückflug geht. Für mich ist gerade erst Halbzeit. Perfekt geplant.

Um zwanzig vor sechs machen wir in Keramoti fest, wieder mediterran vertäut, wieder ein forderndes Manöver, Ankertiefe ermittelt, Leinen fest. Und dann eine kleine Pointe des Schicksals: Genau hier, in Keramoti, wird auch meine Reise in elf Tagen enden, wenn mich die Fähre herüberbringt und der Transfer zum Flughafen Kavala wartet. Aber das ist noch so weit weg, und genau das fühlt sich schön an. Noch so viel Zeit. Die Seele einfach baumeln lassen.

Der Segeltörn geht zu Ende, und mit ihm eine der schönsten Erfahrungen dieser Reise. Ich habe einen sehr netten, kompetenten Skipper kennengelernt: Thomas gehört zu den besten, die ich je erlebt habe, seine ruhige, professionelle Art hat jedem an Bord gutgetan. Man merkt erst am Ende, wie sehr so ein Mensch den Ton eines ganzen Törns bestimmt.

This is the end

Den letzten Abend sitze ich in einem kleinen griechischen Restaurant. Aus den Boxen ein altes Lied, Sinnefies von Giorgos Mitsakis und Katerina Tsiridou, volksmusikalisch, melancholisch und warm zugleich. Um die Tische streunen Katzen und Möwen und streiten um die Essensreste, und meistens sind die Möwen schneller. Ein schöner, leiser Ausklang.

Und dann dieser eine Gedanke, der sich einfach einstellt: This is the end, my friend. The End von den Doors, einst als schlichtes Abschiedslied begonnen und zu einem fast zwölf Minuten langen Epos gewachsen. Jim Morrison hat es einmal so beschrieben:

It started out as a simple goodbye song … I think it’s sufficiently complex and universal in its imagery that it could be almost anything you want it to be.

Jim Morrison über „The End“

Alles hat sein Ende. Der Törn, dieser Abend, dieses Lied. Aber ein Ende ist ja nie nur ein Ende. Morgen beginnt ein neuer Tag, mit kleinen neuen Abenteuern. Siga siga.

Bilder eines letzten Segeltages