Ein Brückentag
Dieser Tag fühlt sich an wie ein Brückentag: ausschlafen, kein Programm, nichts, was drängt. Und tatsächlich ist heute Freitag. In Deutschland baut man sich daraus gern einen Brückentag, allerdings nur, wenn der Donnerstag ein Feiertag war: Dann nimmt man den Freitag frei und verlängert das Wochenende. Ich brauche dafür längst keinen Feiertag mehr, bei mir reiht sich gerade ein Brückentag an den nächsten, ganz ohne Urlaubsantrag. Das Frühstück nehme ich im siebten Stock des Hotels ein, in einem Raum mit einer Aussicht, die man sich schöner kaum ausdenken kann, über ganz Kavala hinweg bis auf den Hafen. Manchmal beginnt Erholung genau da, wo der Morgen keinen Plan hat.
Eine Karte entsteht
Dann ein kleines technisches Projekt: Ich will unsere Segelroute sichtbar machen, die GPX-Dateien des Törns auf der Homepage darstellen. GPX, das GPS Exchange Format, ist die Sprache, in der sich Bewegung aufzeichnen lässt; jede Segeletappe, jede Biketour, jede Wanderung lässt sich so später auf einer Karte nachzeichnen, mit Strecke, Geschwindigkeit, Höhenprofil. Die künstliche Intelligenz hilft mir dabei erheblich, und aus zwölf Tagen auf dem Wasser wird eine Linie, die man mit dem Finger nachfahren kann.
Um eins raffe ich mich auf, die Fähre für Sonntag zu prüfen, nach Skala Prinos auf Thassos, Abfahrt Viertel nach zehn. Und um zwei sitze ich schon wieder am Hafen, ein Frappé vor mir, den Blick auf die Segelboote, und habe, wie so oft in diesen Tagen, sehr viel Zeit.
Hinauf zur Festung
Gegen halb fünf starte ich eine Fototour. Erst ein Caesar Salad im Restaurant Vakoufi, das laut Google das bestbewertete der Gegend sein soll, mit Blick auf die Altstadt. Dann hinauf zur Festung Panagia, die auf der Spitze der gleichnamigen Halbinsel steht, im fünfzehnten Jahrhundert über einer byzantinischen Akropolis errichtet, später von den Osmanen genutzt und sogar noch im Zweiten Weltkrieg.

Der Weg hinauf ist anstrengend, die Gassen werden immer steiler, doch genau das macht ihn schön: Auf jedem Meter halte ich inne und fotografiere, hinüber nach Thassos, hinunter auf den Hafen, auf die Altstadt, die sich Dach um Dach unter mir ausbreitet.
Der enge Turm
In der Burg steige ich zum höchsten Punkt hinauf, dem Turm, und die Treppe dorthin ist so schmal, dass ich gerade eben noch hindurchpasse. Eine enge Wendeltreppe, kaum Licht, kein Handlauf; größere oder kräftigere Menschen kämen hier nicht hinauf. Doch oben wartet die Belohnung: ein Rundblick über volle dreihundertsechzig Grad, die Ägäis, Thassos am Horizont, die ganze Stadt tief unter mir. Es hat sich gelohnt, jede schmale Stufe.

Gleich nebenan die Mehmet-Ali-Residenz. Hier, so heißt es, wurde um 1770 Muhammad Ali geboren, der Begründer der letzten ägyptischen Dynastie, und sein Geburtshaus gilt als eines der bedeutendsten erhaltenen Beispiele osmanischer Architektur in ganz Griechenland. Man läuft durch eine kleine Gasse und steht plötzlich mitten in der Weltgeschichte.
Der Geist des Meeres
Am Abend, gegen halb neun, treibe ich durch die Gassen von Kavala und bleibe an einem Schuhladen hängen. Auch als Mann darf man ruhig öfter mal Schuhe kaufen, und hier sind sie günstig, vielleicht ein kleiner Geheimtipp für alle, die es lieben. Und die Marke passt: Nautica, 1983 in New York gegründet, mit sechs Jacken und der Idee, den Geist des Meeres in den Alltag zu tragen; der Name stammt vom lateinischen nauticus, dem Schiff. Nach zehn Tagen auf dem Segelboot nun Nautica-Schuhe zu kaufen, das passt dann doch irgendwie.
Danach noch eine Kleinigkeit, ein Souvlaki an einem Straßenrestaurant, lecker wie immer, und den Abend lasse ich an der Hafenpromenade ausklingen, ein Bierchen in der Hand, das Wasser dunkel und ruhig. So kann man einen Brückentag auch verbringen. Nicht jeder Tag muss ein Abenteuer sein. Manche sind einfach dazu da, dass man ankommt.

