Tag 15 – Medea

Komfortzone verlassen

Heute Abend wird im antiken Theater von Philippi Medea gegeben, fünfzehn Kilometer von Kavala. Wer macht so etwas schon? Sich ein griechisches Theaterstück ansehen, von dem man vermutlich kaum ein Wort versteht, weil man die Sprache nicht spricht. Aber genau das ist der Reiz: die Komfortzone verlassen und sich überraschen lassen. Um Viertel nach sieben fährt der Bus Richtung Philippi, und ich bin gespannt, welche Atmosphäre mich erwartet.

Ich fahre nach Drama

Im Bus frage ich nach dem richtigen Weg, und die Antwort ist jedes Mal dieselbe: Drama. Erst als ich die Verkehrsschilder sehe, verstehe ich, dass Philippi in der Nähe der Stadt Drama liegt, des nächsten größeren Ortes. Und Drama, das kommt vom altgriechischen Wort für Handlung, für Tat, aus dem einst das Theaterwort entstand. Ich fahre also nach Drama, um ein Drama zu sehen. Passender geht es kaum.

Eine unglaubliche Atmosphäre

Um fünf nach halb zehn öffnen sich die Tore, ich gehe hinein, suche mir einen Platz und bin schlicht sprachlos. So eine Atmosphäre habe ich selten erlebt, dieser alte Halbkreis aus Stein, über allem der Nachthimmel. Um dreiundzwanzig Minuten nach neun geht das Licht aus, die Musik setzt ein, und was folgt, ist von einer unglaublichen Intensität.

Das Stück handelt von Liebe und Rache, von Macht und Reichtum, und es berührt, selbst wenn man nur die englischen Untertitel von der Videowand mitlesen kann. In der Titelrolle Karyofyllia Karampeti, eine der großen griechischen Schauspielerinnen, die nach rund drei Jahrzehnten in diese Rolle zurückkehrt; die Inszenierung von Nikita Milivojević zeigt Medea nicht als rachsüchtiges Monster, sondern als einen Menschen an seiner äußersten emotionalen Zerreißprobe. Sie zieht jeden im Theater in ihren Bann.

Die Geschichte der Medea

Um zu verstehen, warum es überhaupt zu dieser Rache kommt, muss man wissen, was vorausgegangen ist. Medea war eine Königstochter aus dem fernen Kolchis, eine mächtige Zauberin, und sie hatte sich rettungslos in Jason verliebt. Für ihn verriet sie alles, was ihr heilig war: Mit ihren Kräften half sie ihm, das Goldene Vlies zu erringen, hinterging ihren eigenen Vater, gab Heimat und Familie auf und floh mit Jason übers Meer. Ihr ganzes Leben hatte sie auf diesen einen Mann gesetzt.

In Korinth bauten sie sich eine Existenz auf und bekamen zwei Söhne, doch sie blieben Fremde im Exil, denn eine Heimat, in die Medea hätte zurückkehren können, gab es längst nicht mehr. Und dann verstößt Jason sie, um Glauke zu heiraten, die Tochter des Königs Kreon, allein aus Ehrgeiz und Berechnung, und bricht damit jeden Schwur, den er ihr je gegeben hat. König Kreon wiederum verbannt Medea und die Kinder aus der Stadt. So steht sie da: die Frau, die für diesen Mann alles geopfert hat, weggeworfen und mit ihren Söhnen ins Nichts hinausgestoßen. Aus dieser tiefsten Kränkung wächst ihre Rache.

Die ultimative Rache

Und Medea will Jason nicht bloß wehtun, sie will ihn seelisch vollständig vernichten. Zuerst schickt sie der Braut vergiftete Geschenke, ein Gewand und einen goldenen Kranz, die Glauke töten und mit ihr König Kreon, der sich über die Sterbende wirft. Doch das ist ihr nicht genug.

Denn um zu begreifen, wie weit sie geht, muss man die antike Welt kennen: Das Schlimmste, was einem Mann dort geschehen konnte, war, ohne Stammhalter und ohne Familie dazustehen, ohne einen Namen, der weiterlebt, ohne Zukunft. Genau dort setzt Medea an. Sie tötet die gemeinsamen Kinder, ihre eigenen Söhne, und nimmt Jason damit alles auf einen Schlag: jede Zukunft, jeden Stolz, jeden Sinn. In dieser Inszenierung zerschlägt sie mit einem riesigen Hammer das eigene Haus, Balken um Balken, und mit dem Haus zerbricht auch der Mann, der einst alles hatte. Es ist kein Wüten aus blinder Wut, sondern eine kalte, restlose Zerstörung, und gerade das macht sie so schwer erträglich. Verzweifelt bleibt Jason zurück, ein gebrochener Mann, der am Ende nichts mehr hat.

Und dann triumphiert Medea. Euripides hat dafür einen der berühmtesten Knalleffekte der Theatergeschichte ersonnen, den sogenannten Deus ex Machina: Ihr Großvater, der Sonnengott Helios, schickt ihr einen von geflügelten Drachen gezogenen Wagen, mit dem sie sich hoch in den Himmel erhebt, unerreichbar für Jason, und nach Athen davonfliegt. Sie steht am Ende nicht als Bestrafte da, sondern als Siegerin. Als das Stück 431 vor Christus zum ersten Mal gespielt wurde, kam es beim Publikum übrigens schlecht an und belegte nur den letzten Platz; der Rachefeldzug einer Frau passte nicht in eine Welt, die ihr eine stille, passive Rolle zuwies. Euripides war seiner Zeit weit voraus.

Was it necessary?

Diese Stimmung, dieser Sound werden mir lange in Erinnerung bleiben. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, jeder Schritt, jede Bewegung auf der Bühne war zu hören. Und immer wieder, mehrfach wiederholt, diese eine Frage, die Jason an Medea richtet: Was it necessary? War das nötig? Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt, und die gerade deshalb bleibt. Um zehn nach Mitternacht fahre ich zurück nach Kavala, schwer beeindruckt. Manchmal muss man ausgerechnet nach Drama fahren und einer Sprache lauschen, die man nicht versteht, um etwas zu begreifen, das größer ist als Worte.

Bilder eines Abends in Philippi