Es gibt Reisen, die beginnen nicht am Flughafen. Sie beginnen viel früher, an einem ganz gewöhnlichen Abend, an einem Tisch voller Menschen, die einem das Reiseziel schon auf den Teller legen, bevor man auch nur den Koffer ins Auto gehoben hat. Mein Koffer steht. Der Mac ist aus. Morgen um 07:45 Uhr fährt der Zug. Und trotzdem hat sich der Urlaub heute schon angefühlt, als wäre er längst angekommen.
Es war wieder eine dieser Wochen. Kurz vor dem Urlaub muss immer noch alles fertig werden, als wollte die Arbeit beweisen, dass sie genau jetzt am wichtigsten ist. Gegen Mittag habe ich den Rechner heruntergefahren, die Übergabe war erledigt, und ich habe mir, wie jedes Jahr, denselben Satz gesagt: Die Welt geht auch ohne mich unter. Es ist ein kleiner Trotz und eine große Erlaubnis zugleich. Loszulassen fällt uns schwer, weil wir uns für unverzichtbar halten. Dabei liegt die eigentliche Freiheit genau in dem Moment, in dem der Bildschirm schwarz wird.
Vor dem Abend noch ein Pflichtprogramm, das eigentlich keines ist: Sport Olymp. Martin kennt mich. Ich wollte nur kurz reinschauen und bin mit drei funktionellen T-Shirts und einer neuen Cap wieder herausgekommen. Funktionelle Kleidung auf Reisen ist kein Luxus, das weiß ich inzwischen. Leicht, schnell trocknend, gemacht für ein Segelboot im Juli. Manchmal sind es diese unscheinbaren Vorbereitungen, in denen ein Abenteuer schon Gestalt annimmt, lange bevor es offiziell losgeht.
Griechische Gastfreundschaft in Greven
Den Abend habe ich bei Freunden verbracht, im Restaurant Zeus in Greven, einem der besten Griechen der Region. Die Familie Kontalexis führt es gemeinsam, Maria und ihr Bruder Balantis, und der Rest der Familie ist immer mit dabei. Maria hat mich mit einem „Hallo Ralf“ begrüßt, so selbstverständlich, als wäre ich nie weg gewesen. Morgen steht eine große griechische Taufe an, die Dekoration hatte schon begonnen, die ganze Familie war mitten in den Vorbereitungen. Draußen 37 Grad, schwül, kaum Luft. Drinnen diese entspannte Wärme, die nichts mit der Temperatur zu tun hat und alles mit den Menschen.
Ich habe mir einen Gyros Teller bestellt. Pommes, Feta obendrauf. Klingt simpel, ist es auch, und genau so soll es sein. Kein Krautsalat, kein Tzatziki-Klecks aus der Tube, einfach Fleisch, Kartoffeln, Käse, so wie man es in griechischen Lokalen eben macht. Und beim ersten Bissen war sie plötzlich wieder da, diese Erinnerung: vor etwa zehn Jahren, Thessaloniki, das Restaurant The Kitchen am Hafen, moderner Bau, Blick aufs Meer, gute Musik. Morgen bin ich wieder dort. In vierundzwanzig Stunden ist aus der Erinnerung wieder Gegenwart. Die Reise beginnt nicht am Flughafen. Sie beginnt hier.

Ich bin lange sitzen geblieben. Noch ein paar Gespräche mit Balantis, der immer gute Tipps hat. Seine Familie stammt aus Larisa, der Hauptstadt Thessaliens, in Sichtweite des Olymp, dem Berg der Götter. 2.917 Meter, höchster Gipfel Griechenlands, Sitz von Zeus und seinen zwölf Göttern. Wenn man aus dieser Gegend kommt, wächst man mit dem Olymp auf, mit Geschichten, die größer sind als jede Landkarte. Und ich sitze hier, in Greven, und spüre, wie nah dieses ferne Land plötzlich ist.
O sole mio
Dann noch eine Begegnung, die ich nicht geplant hatte. Sebastiano Lo Medico, sizilianischer Tenor, in Messina geboren, lebt seit Jahren in der Region und hat an der Musikhochschule Münster studiert. Morgen wird er bei der griechischen Taufe singen, er hatte schon alles vorbereitet, und an diesem Abend gab er uns einen Vorgeschmack auf das, was kommt. Mitten im Zeus, zwischen Tellern und Gespräch, gab er sein Können zum Besten und hob an: O sole mio. Ich habe es auf Video, und doch weiß ich, dass keine Aufnahme diesen Moment wirklich einfangen kann, in dem ein paar Töne einen ganzen Raum still werden lassen. Er wünschte mir einen schönen Urlaub und gab mir noch einen Tipp mit auf den Weg: das Philippi Festival in Kavala, unbedingt besuchen, wenn man vor Ort ist. Ein Operntenor, der mir ein antikes Theater empfiehlt, nachdem er mir gerade Italien in die griechische Nacht gesungen hat. Besser kann ein Abend kaum enden.
Kalinychta
Es gibt da diesen kleinen Funfact, über den ich heute schmunzeln musste. Als Deutscher fährt man Richtung Mittelmeer und denkt automatisch: Da wird es wärmer. Heute stimmt das nicht. Greven 38 Grad, amtliche Hitzewarnung, gefühlt 43. Thessaloniki 31. Ausgerechnet Griechenland ist gerade das kühlere Reiseziel. Vielleicht ist das die erste Lektion dieser Reise, dass die Dinge selten so sind, wie wir glauben, sie zu kennen.
Zwei Ouzo mit Eis zum Abschluss. Bei 37 Grad hilft das vielleicht beim Einschlafen, und Ouzo ist ohnehin meine Welt, Anisgetränke generell, ob Pastis in Frankreich oder Ouzo in Griechenland. Wer Lakritze liebt, kommt daran nicht vorbei. Weniger romantisch waren die grünen Fliegen, die die Hitze explosionsartig vermehrt hat, kein Teller war wirklich sicher. Zu Hause habe ich vor der Abreise noch alle Mülleimer geleert. Drei Wochen. Hoffentlich finden sie keinen Weg hinein. Spät kam dann noch Isi, mein Freund, eigens zu Balantis ins Zeus, nur um mich in den Urlaub zu verabschieden. Gute Freunde halt, die für ein kurzes Auf Wiedersehen den Weg machen, obwohl ein Anruf längst gereicht hätte. Der Abend ging spät zu Ende, noch ein Bier, und ich weiß bis heute nicht, ob es an den Freunden lag oder an der tropischen Nacht, die niemanden nach Hause trieb. Wahrscheinlich an beidem. Kalinychta, gute Nacht auf Griechisch. Der Zug fährt um 07:45 Uhr. Und ich glaube, ich bin längst angekommen, bevor ich überhaupt losgefahren bin.

