Tag 2 – Thessaloniki, die historische Stadt

Sonntagmorgen in Thessaloniki

Es gibt einen Luxus, den der Sommer in Deutschland gerade vergessen lässt: eine Nacht, durchgeschlafen. Klimaanlage auf angenehmen 22 Grad, fast unanständig, denn zu Hause wäre das ein Traum. Ein Stadthotel hat allerdings seinen Preis, und der heißt Straßenlärm. Die Lösung lag im Rucksack: Ohrstöpsel. Vorbereitung ist eben doch alles, auch wenn man erst auf Reisen merkt, wie sehr.

Zum Frühstück geht es hinunter in die Garden Bar, die tagsüber auch der Frühstücksraum ist, und der Barkeeper von gestern begrüßt mich schon mit Namen und fragt, wo ich den Abend verbracht habe. Und ich denke wieder, dass ein gutes Hotel nichts mit der Größe des Zimmers zu tun hat, sondern damit, ob man wahrgenommen wird.

Geschichte zum Frühstück

Und dann das Frühstück: Koulouri, frisch im Hotel serviert, knusprige Sesamringe, warm. Sonst bekommt man sie an jeder Ecke für fünfzig, sechzig Cent, doch hier liegen sie frisch auf dem Tisch. Es ist das Wahrzeichen Thessalonikis, und es trägt eine Geschichte, die weiter reicht als die Stadt selbst. Seine Wurzeln liegen im Byzantinischen Reich; griechische Flüchtlinge aus Kleinasien brachten es hierher, von wo aus es sich über ganz Griechenland verbreitete. In der Türkei heißt dasselbe Gebäck Simit, und wer letztes Jahr in Istanbul war, kennt es. Ich war dort mit meinem Freund Isi, der türkische Wurzeln hat, und schon im 16. Jahrhundert soll es in Konstantinopel über siebzig Bäckereien gegeben haben, die nur dieses eine Produkt verkauften. Dasselbe Gebäck, zwei Namen, eine Geschichte. Manchmal beginnt Geschichte ganz unten, beim Frühstück in der Hand.

Nach dem Frühstück mache ich mich zu Fuß auf den Weg hinauf in die Oberstadt; Google Maps verspricht nur fünfundzwanzig bis fünfundvierzig Minuten, also kein Bus. Und weil ich laufe, stehe ich plötzlich mitten in der Stadt vor zweitausend Jahren. Das Römische Forum, die Antike Agora, liegt direkt im Zentrum nahe dem Aristoteles-Platz, im zweiten Jahrhundert renoviert, bis ins sechste in Betrieb, das politische und soziale Herz der Stadt. Entdeckt wurde es erst in den sechziger Jahren, als man hier ein Gerichtsgebäude bauen wollte; die Ausgrabungen stoppten das Projekt. Heute ein Freilichtmuseum für sechs Euro, mitten im Alltag, als hätte die Stadt nie aufgehört, sich an sich selbst zu erinnern.

Ein schöner Sonntag, achtundzwanzig Grad, lauwarmer Wind. Gestern noch achtunddreißig Grad in Greven, und heute fühlt sich ausgerechnet Griechenland wie Erholung an.

Der Balkon Thessalonikis

Weiter hinauf in die Ano Poli, die Oberstadt. Enge Gassen, traditionelle Häuser, kaum Autos, und je höher man kommt, desto stiller wird es. Mein Ziel ist der Trigoniou-Turm, der Balkon Thessalonikis. Die Osmanen errichteten ihn im späten fünfzehnten Jahrhundert nach der Einnahme der Stadt 1430, einen Artillerieturm an der empfindlichsten Stelle der Mauer, zweiundzwanzig Meter hoch, heute Teil des UNESCO-Welterbes. Von oben liegt die ganze Stadt ausgebreitet, die Dächer fallen Stufe um Stufe zum Wasser hin, dahinter der Thermaische Golf, und an klaren Tagen reicht der Blick bis zum Olymp, dem Berg der Götter, der über allem schwebt wie ein Versprechen. Man steht hier oben, der Wind kommt vom Meer, und für einen Moment wird die ganze Geschichte unter einem ganz leicht. Fünf Euro Eintritt, und jeder einzelne hat sich gelohnt.

Der Blick nach unten fördert eigene Entdeckungen zutage. Vor der breiten Egnatia-Straße steht ein runder antiker Bau, die Rotunde des Galerius, vom Kaiser im frühen vierten Jahrhundert als Mausoleum geplant, später Kirche, dann Moschee, heute Museum.

Und etwas abseits eine orthodoxe Kirche, die fast wie eine Moschee aussieht, mehrere Kuppeln, rote Ziegelstreifen: Agios Pavlos, dem Heiligen Paulus geweiht. Der Apostel soll im Jahr 50 hier durchgekommen sein, und morgen, am neunundzwanzigsten Juni, ist sein Festtag, den die Kirche seit 1922 drei Tage lang feiert. Ich fotografiere sie genau einen Tag vor ihrem Fest.

Ein geteilter Sonnenstrahl

Davor noch eine Pause im Schatten, im Viertel Agios Anargiri, der erste Freddo Cappuccino des Urlaubs, eisgekühlter Espresso mit kalt aufgeschäumter Milch im hohen Glas. Ein griechisches Kultgetränk, das man hier stundenlang trinkt, ohne dass jemand zum Gehen drängt. Dann weiter zur Festung Heptapyrgion, den Sieben Türmen, auf Türkisch Yedi Kule, schon vom Trigoniou-Turm aus zu sehen. Am Eingang der Tipp, die App HH Guide zu laden, einen Audioguide, der die Geschichte eines Ortes anders erzählt als jede Infotafel.

Und diese Geschichte ist schwer. Ursprünglich byzantinisch, von den Osmanen nach 1430 ausgebaut, wurde die Festung ab 1895 zum Gefängnis, und das bis 1989. Politische Gefangene der Metaxas-Diktatur, des Bürgerkriegs, der Militärjunta saßen hier ein. Todeszellen, Isolationshaft, Folterspuren. In die Wände der Isolationszellen haben Gefangene Namen und Linien geritzt, ein Tagebuch der Isolation.

Einer von ihnen war Chronis Missios, Schriftsteller und Widerstandskämpfer. Über seine Zeit in der Todeszelle schrieb er:

Als wir noch in den Todeszellen im Yedi Kule waren, wohnte ich mit Varias in der vierten Zelle, die relativ privilegiert war. Genau gegenüber befand sich das einzige Oberlicht, das den Isolationsgang leicht erhellte, und zu dieser Zeit, im Herbst, wenn ich mich nicht irre, wer weiß, welchen Bogen die Sonne machte, drang nachmittags ein Sonnenstrahl durch das Oberlicht des Ganges, schlüpfte durch das Guckloch unserer Zellentür und traf auf die rechte Wand, die grün war, mit leichtem Moos bedeckt, von Schneckenspuren durchzogen und das sanfte Licht des Sonnenstrahls bildete Arabesken, die unsere Augen beruhigten und unsere Fantasie anregten. Wir warteten sehnsüchtig darauf, und anfangs stritt ich mich heftig mit Varias, weil er unbedingt lesen lernen wollte, während ich die Wand betrachten wollte. Schließlich einigten wir uns: Einen Tag gehörte der Sonnenstrahl mir, einen Tag ihm.

Chronis Missios

Zwei Männer in einer Todeszelle teilen sich einen Sonnenstrahl. Das ist der Satz, der bleibt.

Was von solchen Orten bleibt, ist nicht nur der Schauder. Es ist auch eine Musik: der Rembetiko, der griechische Blues, der vom harten Alltag im Gefängnis erzählt, vom Leiden der Insassen und doch von ihrer Hoffnung.

Man trinkt Thessaloniki

Danach lasse ich mich durch die Gassen treiben. Ano Poli ist eine Stadt, die man nicht geradeaus begreift. Man läuft, sieht eine Treppe und denkt: privat, Hinterhof, Sackgasse. Und dann ist es doch eine Gasse, die nach unten führt, um die Ecke, hin zu kleinen Plätzen, die man nie gesucht hätte. Thessaloniki ist nach unten gebaut. Wer nur geradeaus geht, verpasst die halbe Stadt.

Gegen drei dann ein Zwischenstopp in der Tsinari-Taverne, Zeit für ein Bier. Mythos? Wieder nicht. Stattdessen eine Empfehlung: Nymfi, ein 5 Hops Lager, in Thessaloniki gebraut, mit mazedonischer Gerste und fünf Hopfensorten, blumig, fruchtig, leicht bitter. Auf dem Etikett die Meerjungfrau Thessaloniki, Halbschwester Alexanders des Großen. Und während ich trinke, drängt sich eine ketzerische Frage auf: Wer hat eigentlich die bessere Bierkultur? In Griechenland boomt die Craft-Beer-Szene, überall kleine Brauereien, während zu Hause die großen Konzerne dominieren und das Reinheitsgebot tief sitzt. Ausgerechnet hier trinke ich die interessanteren Biere.

Das zweite Nymfi kommt, die Kellnerin erklärt stolz, es komme von hier, sehr berühmt in der Stadt. Man trinkt hier eben kein Bier, man trinkt Thessaloniki. Und als ich beim Gehen Trinkgeld gebe, zeigt sich der Unterschied zu gestern am Flughafen: keine Aufforderung, kein Display, kein Druck. Sie freut sich ehrlich. Das ist Griechenland, unaufdringlich und direkt; man gibt, weil man will, und die Freude ist echt.

Zurück im Hotel: zwei Prozent Akku, dreizehntausendvierhundert Schritte. Nicht nur das Smartphone braucht jetzt eine Pause.

Zum Abendessen reicht es gerade noch in die Taverna Ouzeri Mpazargiazi, die Küche schließt um acht. Griechischer Salat, Kotelett, ein Nymfi, und schon wieder kein Mythos; vielleicht sollte ich meine Restaurants künftig nach dem Biersortiment aussuchen. Den Tag lasse ich mit Rembetiko ausklingen, mit Apodimi Kompania, genau der Musik, die einst aus den Zellen des Heptapyrgion kam und heute noch gespielt wird. Ein runder Abschluss. Den ganzen Tag bin ich durch Stein gegangen, durch Mauern, Türme und Zellen, durch zweitausend Jahre, die hier nie ganz vergehen. Morgen tauscht sich all das gegen Bewegung, gegen Salz und Weite. Endlich wieder eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Bilder eines Tages in Thessaloniki