Tag 16 – Die letzte Woche beginnt

Koffer packen

Um sieben weckt mich die innere Uhr, ganz ohne Wecker. Erst der Koffer, bevor es zum Frühstück geht, und tatsächlich passt noch alles hinein. Oben im siebten Stock, beim Frühstück mit Blick über Kavala, sehe ich schon die Fähre nach Skala Prinos anlegen; alles hier ist entspannt, alles fußläufig.

Um Viertel vor zehn Check-out, Fährticket, eine Nachricht von Steffi, meiner Frosch-Ansprechpartnerin: Wann ich denn ankomme? Gegen Mittag. Im Hafen aber liegt noch etwas ganz anderes, die Sea Cloud II, eine hundertsiebzehn Meter lange Dreimastbark mit dreiundzwanzig Segeln, die noch von Hand gesetzt werden, während die Matrosen in die Wanten klettern, dazu Marmorbäder und fünf Sterne. Das teuerste Gegenteil einer Fähre. Ich schreibe Steffi augenzwinkernd, dass ich diese hier nehme.

Warum die Möwen dem Schiff folgen

Auf der Überfahrt habe ich vor allem eines getan: Möwen fotografiert, unzählige, wie sie dicht hinter dem Heck segeln. Und dabei fragt man sich unweigerlich, warum sie eigentlich so beharrlich an einem Schiff hängen. Die Antwort ist verblüffend clever, denn Möwen sind Opportunisten von Weltklasse: Wo es einfache Beute gibt, sind sie zur Stelle. Und ein fahrendes Schiff bietet ihnen gleich zwei Vorteile auf einmal.

Der erste ist ein gedeckter Tisch. Wenn die Schiffsschraube und der Rumpf das Wasser aufwühlen, werden Kleinfische, Krebse, Quallen und Plankton an die Oberfläche gespült, viele davon von der Kraft der Schraube betäubt oder verletzt. Für die Möwen ist das ein regelrechtes Kielwasser-Buffet: Sie müssen nicht mühsam jagen, sondern picken die wehrlose Beute einfach von der Oberfläche.

Der zweite Vorteil ist noch raffinierter, und es geht dabei ums Energiesparen. Ein Schiff ist ein riesiges Hindernis für den Wind; die Luft prallt gegen die Bordwand und wird nach oben abgelenkt, es entstehen Aufwinde. Diese Thermik nutzen die Möwen perfekt aus, sie lassen sich von den Luftströmen tragen und segeln fast schwerelos hinter dem Schiff her, ohne einen einzigen Flügelschlag zu verschwenden. Fressen und fliegen, beides zum Nulltarif. Wer will es ihnen verdenken?

Die Fähre, die funktioniert

Um Viertel nach zehn ertönt dreimal das Schiffshorn, und die Fähre legt pünktlich ab. Kurz vor zwölf die ebenso pünktliche Ankunft in Skala Prinos, der Bus wartet schon, zwei Euro zwanzig, Koffer unten rein, einsteigen, und zehn Minuten später bin ich am Ziel. Fähre, Bus, Transfer, alles greift ineinander. Würde die Deutsche Bahn im Sommer nur halb so verlässlich funktionieren wie der Nahverkehr hier, wäre Deutschland ein anderes Land.

Ankommen bei den Fröschen

Im Hotel Aegean Sun begrüßt mich Steffi herzlich und fragt, was ich bisher gemacht habe und was ich vorhabe. Meine Antwort ist kurz: Siga siga. Entspannung. Sie stellt mir noch den Bikeguide Mario vor, und der ist eine schöne Überraschung, ein ausgebildeter Fotograf. Ich zeige ihm meine Ausrüstung, er ist sofort Feuer und Flamme. Mal sehen, was daraus wird.

An der Bar werde ich prompt wiedererkannt. Sophia, griechische Studentin, freut sich sichtlich, und sie erinnert sich genau: Vor zwei Jahren habe ich reichlich Mythos getrunken und gute Laune verbreitet. Das mit dem Mythos, entgegne ich, muss wohl eine Mythe sein, denn ich trinke längst keinen mehr. Wir lachen, und ich erzähle ihr von den vergangenen zwei Wochen.

Aufs E-Bike

Um zwei übergibt mir Mario das E-Bike, ein Ghost, und man merkt sofort, wie viel Arbeit er hineingesteckt hat, um die Räder in Topzustand zu bringen. Die billigen Schläuche hat er gegen Schwalbe Marathon E-Plus getauscht, mit dem sichersten Pannenschutz, den es für E-Bikes gibt. Kein Plattfuß auf Thassos, bestens vorbereitet.

Gegen drei dann der Hotelstrand, ein paar Frösche kennengelernt, Liege im Schatten, und ein Mittagsschlaf um diese Zeit ist eine ausgezeichnete Idee. Um halb sechs steige ich zum ersten Mal aufs E-Bike, eine Runde zum Supermarkt, die Biervorräte auffüllen. Der große Supermarkt hat zu, aber das ist egal: Mit fünfundzwanzig Sachen durch die Abendsonne zu radeln fühlt sich einfach fantastisch an. Ein paar Selfies, für mich und für Instagram. So kann die letzte Urlaubswoche beginnen.

Ein anderes Gutenacht-Programm

Um halb acht das erste Abendessen mit der Gruppe, Hotelkost, nichts Besonderes, aber man wird satt, und die Runde lernt sich kennen; die eine Hälfte ist schon eine Woche hier, die andere heute erst angekommen. Nach dem Essen zieht am Horizont ein Gewitter auf, doch das stört niemanden: frische Luft, ein Vergina, gute Gespräche an der Hotelbar.

Um zehn kommt das Gewitter dann herunter, die Bar schließt, und ich schaue vom Balkon aus zu, wie es blitzt und schüttet. Ein anderes Gutenacht-Programm als das sanfte Schaukeln der letzten Wochen. Und ich denke: Zum Glück hatten wir auf dem Segelboot nie etwas so Heftiges. Manches genießt man eben doch lieber vom Trockenen aus.

Bilder eines Tages zurück nach Thassos