Tag 22 – Griechenland ist ein Traum

Zweiundzwanzig Tage

Zweiundzwanzig Tage Griechenland. Was bleibt, wenn man am Ende zurückblickt? Nicht die Zahlen, nicht die Kilometer, sondern eine Handvoll Bilder, die sich eingebrannt haben, und zwei griechische Wörter, die alles zusammenfassen. Aber der Reihe nach.

Der Törn

Im Mittelpunkt stand das Segeln. Zehn Tage lang lebte ich mit Skipper Thomas und Daydream Yachting auf der SY ANNA, und diese Tage überstrahlen bis heute alles andere. Wir ließen uns treiben, nicht vom Kompass, sondern vom Wind, ankerten in einsamen Buchten, die auf keiner Karte stehen, sprangen kopfüber ins türkisblaue Wasser und fanden abends kleine Tavernen, die kein Reiseführer kennt. Jeder Tag war ein neues, kleines Abenteuer. Der schönste Moment aber kam an einem frühen Morgen, als ich mit dem Fotorucksack auf dem Bug saß und die Sonne genau über der Spitze des Heiligen Bergs Athos aufsteigen sah. Für dieses eine Bild lohnt sich jedes noch so frühe Aufstehen.

Medea unter freiem Himmel

Nach dem Törn folgten drei Nächte an Land in Kavala, und auch dort wartete ein Höhepunkt, ein ganz anderer. Im antiken Theater von Philippi sah ich unter freiem Himmel Medea von Euripides, gespielt in einer Sprache, die ich kaum verstand und die mich trotzdem, oder gerade deshalb, bis ins Mark traf. Man hätte im ganzen steinernen Rund eine Stecknadel fallen hören können.

Auf dem Bike

Und schließlich die letzte Woche, diesmal auf zwei Rädern: mit dem E-Bike durch Olivenhaine und über weiße Marmorwege, den warmen Fahrtwind bei fünfzig, sechzig Sachen im Gesicht. Mal in kleiner Gruppe, mal ganz allein auf unbekannten Wegen. Radfahren in Griechenland, mehr wollte ich gar nicht, und genau das habe ich bekommen.

Alles außer Mythos

Und dann war da noch meine ganz persönliche Nebenmission. Drei Wochen lang habe ich mich einmal quer durch die griechische Bierkultur getrunken: ein Vergina aus Komotini, ein Nymfi aus Thessaloniki, das ehrwürdige Fix, das historische Mamos, dazu Eza, Alpha und Kaiser. Nur eines habe ich, wo immer es ging, konsequent gemieden: ein Mythos. Nicht aus Abneigung, eher aus Prinzip – man muss ja nicht immer das Naheliegende nehmen, wenn ein ganzes Land so viel Besseres im Kühlschrank hat. Mein Favorit am Ende war das Nymfi. Aber das ist wirklich eine andere Geschichte.

Siga siga und Parea

Was aber bleibt, tiefer als jede einzelne Etappe, ist, dass ich die griechische Kultur ein Stück besser verstanden habe. Zwei Begriffe fassen sie für mich zusammen. Der erste ist Siga siga, langsam, langsam, die Lebensphilosophie eines ganzen Landes in nur zwei Worten, die ich hier oft gehört und noch öfter gelebt habe.

Der zweite ist Parea: eine Runde von Freunden, die sich trifft, um über das Leben zu reden, über Erfahrungen, Werte und Träume. Alles ist ein sozialer Akt, sagen die Griechen, und eine gute Parea ist ein Abbild der Welt, wie sie eigentlich sein sollte. Bei Frosch, unter Deutschen in einer freundlichen, gut organisierten Oase, kam sie ein wenig zu kurz. Die echte Parea findet man dort, wo man zehn Tage eng zusammen auf einem Boot lebt und sich auf Augenhöhe begegnet, ohne Rollen und ohne Rang. Genau das hat Thomas möglich gemacht, und deshalb war das Segeln der Traum in diesem Traum.

Aber siga siga. Griechenland ist ein Traum, und diese drei Wochen waren einer. Ich habe eine Handbreit Wasser unter dem Kiel gehabt und den Fahrtwind im Gesicht, ich habe Zeus auf dem Rücken getragen und Poseidon in den Schlaf gehört, ich habe gelernt, langsam zu machen und niemandem etwas beweisen zu müssen. Davon, hoffe ich, werde ich noch lange zehren. Efcharistó, Griechenland.

Bilder des letzten Tages